• 12.01.2026
  • Artikel

Explosionsschutz zwischen Industrie, Zeitenwende und Defence

Sicherheit hat viele Aspekte. Der Verein IND EX e. V. beschäftigt sich mit dem Brand- und Explosionsschutz in der Industrie. Ein ganz anderer Aspekt der Sicherheit ist der Schutz vor Bedrohungen und damit verbunden die militärische Verteidigung. Präsident Dr.-Ing. Johannes Lottermann, CBDO bei Rembe® GmbH Safety + Control erläutert die Besonderheiten in der Rüstungsindustrie und die Rolle, die IND EX dabei spielt.

Geschrieben von Dr. Ulla Reutner

Zwei Männer in Jeans und Pullover stehen nebeneinander in einer Werkhalle.
Dr.-Ing. Johannes Lottermann (rechts) befasst sich in seinen Funktionen als Vorsitzender von IND EX und CBDO bei Rembe mit dem Explosionsschutz in der zivilen Industrie, aber auch der Rüstungsindustrie. Sein Stellvertreter bei IND EX Aleksandar Agatonovic (links), ist CEO bei Rico Sicherheitstechnik und Offizier beim Schweizer Militär.

Der Begriff Zeitenwende hat eine ernste   Bedeutung bekommen, in deren Zusammenhang das Rüstungsgeschäft boomt. Inwieweit befasst sich IND EX auch damit?

Johannes Lottermann: Für IND EX steht ein Grundsatz im Mittelpunkt: Jeder Beschäftigte muss bei Tätigkeiten mit Brand- und Explosionsgefährdungen hinreichend sicher geschützt werden – unabhängig von der Branche. Das schließt die Rüstungsindustrie mit ein. Wir setzen uns bekanntermaßen stets mit aktuellen Ereignissen und Themen auseinander, so auch mit der Zeitenwende. In zunehmend unsicheren Zeiten verstehen wir unsere Aufgabe als Verein daher im wahrsten Sinne des Wortes darin genau das zu tun und uns als Netzwerk für den Brand- und Explosionsschutz zu vereinen: Wissen zu bündeln, Wissen zu transferieren und offene Fragen fachlich sauber zu beantworten. Wo Risiken auftreten, braucht es Orientierung und belastbare Lösungen – die Zeitenwende bietet in dem Zusammenhang eine historische Chance eines Wissenstransfers von zivilem Ingenieur-Knowhow und Expertise.

Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie rüstet Armeen, Behörden und Organisationen aus – unter anderem mit Waffen und Munition. Welche Herausforderungen bestehen bei der Produktion bzw. in der gesamten Produktionskette?

Johannes Lottermann: Die aktuell wachsende Nachfrage kann ich durch meine Rolle bei der Rembe® GmbH Safety + Control bestätigen, mich aber zu den Besonderheiten der technischen Herausforderungen verständlicherweise aus Gründen der Geheimhaltung im Weiteren nicht konkret äußern. Ganz neutral und allgemein gesprochen, besteht die größte Herausforderung in der Rüstungsindustrie im Vergleich zu konventionellen Industrieanwendungen aber in der Konzentration von Brand- und Explosionsrisiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette, das heißt von der Annahme der oftmals bereits energiereichen Ausgangsstoffe, über die Produktion, Lagerung, Transport und Entsorgung.

Einzelne Prozessschritte ähneln dabei zivilen Anwendungen – etwa beim Mischen, Trocknen, Fördern, Entstauben oder Lagern. Die entscheidenden Unterschiede liegen einerseits darin, dass in konventionellen Prozessen entweder nur die Zwischenprodukte (zum Beispiel in Brauereien, Keksfabriken oder pharmazeutischen Produktionsbetrieben) zu explosionsfähigen Atmosphären führen, die Endprodukte wie Weizenmehl, Zucker oder Milchpulver aber innerhalb ihrer finalen Verpackungseinheit als nahezu unkritisch zu bewerten sind. Das ist bei explosionsgefährlichen Stoffen in der Rüstungsindustrie naturgemäß anders. Zudem besteht ein Unterschied weniger im „ob“, sondern im „was passiert, wenn etwas passiert“. Die Toleranz gegenüber sicherheitskritischen Fehlern ist in der Rüstungsindustrie oder zivilen Tätigkeiten mit Explosivstoffen daher minimalst. Es braucht – analog zum konventionellen Explosionsschutz – eine sehr eng aufeinander abgestimmte Verzahnung aus organisatorischen, baulichen und technischen Schutzmaßnahmen und vor allem ein tiefes Verständnis der beteiligten explosionsgefährlichen Stoffe und Prozesse selbst.

Unterscheiden sich die Maßnahmen für den Schutz vor Bränden und Explosionen dabei von denen in der Produktion explosiver bzw. brennbarer Stoffe für den nicht-militärischen Gebrauch?

Johannes Lottermann: Vom Grundprinzip her nein, im Detail jedoch sehr wohl. Zu einem besseren Verständnis ist es daher wichtig zu verstehen, dass zwischen Brand- und Explosionsgefährdungen bei klassischen zivilen Anwendungen mit „explosionsfähigen Atmosphären/Gemischen“ durch brennbare Dämpfe, Gase oder Stäube von solchen mit „Explosivstoffen“ bzw. „explosionsgefährlichen Stoffen“ unterschieden wird. Letztere können auch ohne Beteiligung von Luftsauerstoff mit einem sprunghaften Druck- und/oder Temperaturanstieg umsetzen. Derartige Spreng-, Treib- oder Zündstoffe können dabei sowohl bei militärischen als auch zivilen Industrieanwendungen zum Einsatz kommen.

Die prinzipielle Vorgehensweise im Brand- und Explosionsschutz ist dabei zunächst einmal mit der Gefahrstoffverordnung identisch: Auf Basis der Gefährdungsbeurteilung gilt es explosionsfähige Atmosphären bzw. explosionsgefährliche Stoffe zu verhindern oder zu begrenzen, Zündquellen zu vermeiden und die Auswirkungen zu reduzieren. Echte individuelle Unterschiede bestehen dann aber letztlich in besonderen organisatorischen und technischen Maßnahmen, die stark abhängig von dem jeweiligen Explosivstoff selbst sowie dem jeweiligen Prozess im Herstellungsverfahren sind.

In der Rüstungsindustrie greifen dann zusätzlich die Regelwerke des Sprengstoffgesetzes. Dabei ist jedoch spannend zu beobachten, wie viele bewährte Prinzipien aus dem konventionellen industriellen Staub- und Gasexplosionsschutz übertragbar sind, etwa bei der druckfesten Bauweise, der Druckentlastung oder der Verhinderung der Übertragung von Druck- und/oder Stoßwellen. Gleichzeitig gehen aber beispielsweise bei Gebäuden mit Brand- und Explosionsgefahr durch Explosivstoffe sehr konkrete bauliche Anforderungen einher, die bei konventionellen Staub- oder Gasexplosionsgefahren nicht zu besorgen wären. So sind etwa die Gebäude- und Raumgrößen beschränkt, in der Regel nur ein Stockwerk zulässig und die Schutz- und Sicherheitsabstände untereinander klar reglementiert.

Auch bei Lagerung und Transport von Wehrtechnik müssen die Risiken minimiert werden – sicherlich in erster Linie durch organisatorische Maßnahmen. Wie trägt der technische Brand- und Explosionsschutz zur Sicherheit bei?

Johannes Lottermann: Es gilt die Devise: Organisation setzt den Rahmen, Technik macht ihn belastbar.

Gerade bei Lagerung und Transport von Wehrtechnik reduzieren organisatorische Maßnahmen zunächst die Eintrittswahrscheinlichkeit von Ereignissen: Klare Zuständigkeiten, definierte Abläufe, Schulungen und Zugangsbeschränkungen sind unverzichtbar. Der technische Brand- und Explosionsschutz setzt dann dort an, wo Organisation naturgemäß an Grenzen stößt, nämlich bei Abweichungen, Fehlern oder externen Einflüssen.

Im Geist der einschlägigen DGUV-Regelwerke verfolgt der technische Explosionsschutz dabei wie gesagt klare Ziele: Auswirkungen begrenzen, Eskalationen verhindern und Menschen schützen. Technische Maßnahmen wirken dabei unabhängig von der individuellen Tagesform, etwaigen Stresssituationen oder logistischen Engpässen. Sie schaffen damit eine verlässliche Sicherheitsebene, den bei derartigen Risiken notwendigen Gürtel zum Hosenträger.

Konkret bedeutet das: Durch konstruktive Auslegung von Lager- und Transporteinheiten, gezielte Druckentlastung, robuste Einhausungen, funktionale Trennung und Abstände sowie definierte Energiepfade wird sichergestellt, dass ein unerwünschtes Ereignis lokal begrenzt bleibt. Nicht das „ob“ steht im Fokus, sondern das kontrollierte „wie“.

Johannes Lottermann am Schreibtisch im Gespräch mit einem von hinten zu sehenden Mann.
„Technische Maßnahmen wirken unabhängig von der individuellen Tagesform. Sie schaffen eine verlässliche Sicherheitsebene, den bei derartigen Risiken notwendigen Gürtel zum Hosenträger.“ Johannes Lottermann, Präsident IND EX e.V.

Wo können sich produzierende Unternehmen von Wehrtechnik sowie Behörden und Militär informieren, wenn es darum geht, geeignete technische Maßnahmen für den Explosionsschutz zu finden?

Johannes Lottermann: Ironischerweise ist das Wissen in dem Bereich selbst stark fragmentiert. Eine wichtige Orientierung vorab ist daher zu verstehen, dass man geeignete Maßnahmen nicht in einem einzelnen Dokument findet, sondern im Zusammenspiel aus Regelwerk, Erfahrung und fachlichem Dialog.

Für produzierende Unternehmen ebenso wie für Behörden und militärische Anwender gibt es daher aus meiner Sicht drei belastbare Informationssäulen:

Erstens: Der normative und regelwerksseitige Rahmen. Er definiert das „Was“ und „Warum“: Gefährdungsbeurteilung, Schutzziele, Hierarchien von Maßnahmen. Wer diesen Rahmen versteht, erkennt sehr schnell, wo Gestaltungsspielräume bestehen – gerade bei komplexen oder neuartigen Anwendungen. Entscheidend ist dabei nicht das Zitieren einzelner Vorschriften, sondern deren sinnvolle Interpretation im konkreten Prozess.

Zweitens: Spezialisierte Fachnetzwerke und neutrale Plattformen. Hier entsteht das „Wie“. Organisationen wie eben beispielsweise IND EX bringen Industrie, Behörden, Forschung und Anwender zusammen. Der Mehrwert liegt dabei im konkreten Erfahrungsaustausch – auch in Fragestellungen, die man sonst an keiner anderen Stelle fachlich offen diskutiert.

Drittens: Erfahrene technische Partner aus der Industrie. Brand- und Explosionsschutzmaßnahmen sind kein abstraktes Konzept, sondern Consulting und Engineering im konkreten Kontext. Wer Anlagen plant, Produktionsprozesse entwickelt oder Transportlösungen absichern will, profitiert von Partnern, die sowohl die regulatorische Logik als auch die physikalischen Wirkmechanismen verstehen – und diese in belastbare, zuverlässige technische Lösungen übersetzen können.

Die POWTECH TECHNOPHARM beschäftigt sich traditionell auch mit den Aspekten des Brand- und Explosionsschutzes im industriellen Umfeld. Ist diese Messe geeignet, um sich zum Thema Brand- und Explosionsschutz bei Produktion, Lagerung und Transport von Wehrtechnik zu informieren?

Johannes Lottermann: Absolut – das hat die letzte POWTECH TECHNOPHARM im vergangenen Oktober bereits gezeigt, obwohl sie keine Defence-Messe ist. Bei uns am Stand von Rembe hat sich die Zeitenwende durch sehr konkrete Anfragen bereits deutlich gezeigt. Ich bin seit über 20 Jahren Besucher der POWTECH TECHNOPHARM, hatte in all den Jahren zuvor aber keinerlei Berührungspunkte auf dieser Messe mit Vertretern der Rüstungsindustrie. Da die Messe allerdings auch jene Prozesse zeigt, die auch in Munitionsfabriken relevant sein können – vom Pulverhandling über die Trocknung, Dosierung und eben auch Sicherheitstechnik, kann ich die Messe zusätzlich zu spezifischen Fachmessen empfehlen. Wer hier mit einem offenen Blick unterwegs ist, findet hochwertige, erprobte Lösungen, die sich auch in der Rüstungsindustrie adaptieren lassen. Ich halte es daher absolut für sinnvoll, diese Messe stärker als technologisches Fundament zu begreifen – auch jenseits der klassischen Industrien.

Die Messe ENFORCE TAC in Nürnberg wendet sich explizit an Streitkräfte, Behördenvertreter sowie deren Industriepartner. Welche Aspekte des Explosions- und Brandschutzes werden dort abgedeckt?

Johannes Lottermann: Die ENFORCE TAC deckt den Brand- und Explosionsschutz nicht als isolierte Nische ab, sondern als integralen Bestandteil moderner Sicherheits- und Resilienzkonzepte. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger klassische Produktionsfragen, sondern anwendungsnahe Szenarien: Schutz von Infrastruktur, sichere Lager- und Logistikkonzepte, der Umgang mit Energie- und Gefahrstoffen, robuste Systeme für mobile und stationäre Anwendungen sowie der Schutz von Mensch und Material unter realistischen Einsatzbedingungen. Die Messe kann sich damit zu einem Ort entwickeln, an dem operative Anforderungen und technische Sicherheitslösungen perspektivisch stärker zusammenfinden.

Wird sich IND EX e. V. künftig stärker mit den Bedürfnissen der Rüstungsbranche beschäftigen?

Johannes Lottermann: Als IND EX e. V. verstehen wir uns nicht als Branchenlobby, sondern als neutrale Fachplattform für systematischen Explosionsschutz. Wenn sich Anforderungen verändern - Stichwort Zeitenwende, neue Energieformen, neue Sicherheitsarchitekturen -, dann ist es unsere Aufgabe, diese fachlich einzuordnen und den Dialog zu ermöglichen. Genau deshalb rücken aktuell auch sicherheits- und verteidigungsnahe Anwendungen stärker in den Fokus. Mit meinem Stellvertreter Aleksandar Agatonovic, seines Zeichens aktiver Quartiermeister und Offizier im Schweizer Militär, sind wir dabei bestens gerüstet.

IND EX geht es dabei stets um die Sicherheit von Menschen, Anlagen, Logistik und Infrastruktur. Viele Fragestellungen aus der Rüstungsbranche, etwa zur sicheren Lagerung, zum Transport energetischer Stoffe, zur Robustheit technischer Schutzkonzepte oder zur Beherrschung definierter Restrisiken, sind wie voran genannt hochrelevant und zugleich übertragbar von und auf die konventionelle zivile Industrie.

Kurz gesagt: Ja, wir öffnen uns diesen Bedürfnissen, nicht aus politischem Interesse, sondern aus fachlicher Verantwortung. Explosionsschutz endet nicht an Branchengrenzen – und genau diese Perspektive wollen wir bei IND EX weiter stärken. Ich bin überzeugt: Die Zukunft liegt nicht im „Entweder-oder“ zwischen Industrie und Defence, sondern im verantwortungsvollen Transfer von bewährtem Sicherheitswissen. Genau hier sehe ich die Rolle von IND EX – heute mehr denn je.

Explosion mit Flammenbildung auf dem Freigelände der Messe mit Zuschauern.
Explosionsschutz ist schon immer ein wichtiges Thema auf der POWTECH TECHNOPHARM. Im letzten Jahr waren auch einige Vertreter von Munitionsfabriken mit konkreten Problemstellungen auf der Messe, etwa bei den Experten von Rembe.

Autor

Ulla Reutner
Dr. Ulla Reutner
Chemist and freelance specialised journalist