• 12.01.2026
  • Artikel

Zwischen Dampfmaschine und Denkmaschine: Warum GenAI im Maschinen- und Anlagenbau oft stecken bleibt

Inmitten der digitalen Transformation scheint die Euphorie rund um generative KI (GenAI) kaum Grenzen zu kennen. Schlagzeilen versprechen Effizienzsprünge, schlankere Prozesse und neue Innovationspotenziale. Doch ein genauer Blick in die Studienlage zur Anwendung von GenAI im Maschinen- und Anlagenbau zeigt: Die Realität ist differenzierter, teils sogar ernüchternd.

Geschrieben von Armin Scheuermann

Ingenieur mit Tablet-PC vor einer historischen Dampfmaschine und einer KI-generierten Maschinenhalle
Ingenieure und Führungskräfte im Maschinen- und Anlagenbau haben das transformative Potenzial der Künstlichen Intelligenz bislang noch nicht durchgängig erkannt.

Zwei aktuelle Studien werfen ein Licht auf diesen Zwiespalt: die Gemeinschaftsstudie von VDMA Großanlagenbau und Strategy& sowie die internationale Analyse „The GenAI Divide“ des MIT. Beide zeigen hohe Erwartungen – aber auch klare Diskrepanzen zwischen Ambition und Umsetzung. Die VDMA-Studie zeigt: 84 Prozent der befragten Unternehmen bewerten GenAI als wichtig oder sehr wichtig für ihre künftige Profitabilität. Im Schnitt erhofft man sich einen Anstieg der EBIT-Marge um 6,7 Prozentpunkte – vor allem durch Kostenreduktion, weniger durch Umsatzsteigerung. Doch trotz dieser Einschätzung bleibt der tatsächliche Rollout verhalten: Denn KI ist mehr als Copilot und ChatGPT. Lediglich 33 Prozent der Unternehmen mit GenAI-Aktivitäten haben einen unternehmensweiten, systematischen Rollout umgesetzt; ein Großteil verbleibt in Pilotprojekten oder der Ideensammlung.

Diese Zahlen offenbaren einen Widerspruch zwischen strategischer Bedeutung und Investitionspraxis. Die Technologie ist da, das Wissen ebenfalls – aber Skalierung und Integration scheitern häufig an fehlenden Ressourcen, unklarer Strategie oder kulturellen Barrieren. Doch machen wir uns nichts vor: Engineering-Vorgänge im Maschinen– und Anlagenbau sind stark regelbasiert, und damit prädestiniert für einen KI-Einsatz.

Die „Pilotfalle“: Wenn Use-Cases nicht wachsen dürfen

Viele Unternehmen bleiben in der sogenannten „Pilotfalle“ gefangen: Einzelne Abteilungen testen GenAI-Anwendungen in der Projektierung, im Engineering oder Vertrieb, doch der Schritt zur unternehmensweiten Integration wird nicht gegangen. Dabei zeigen Use Cases durchaus Potenzial: Von KI-generierter technischer Dokumentation bis zur automatisierten Angebotskalkulation reichen die Ansätze, die innerhalb weniger Monate Wirkung zeigen könnten.

Der Grund für das Zögern ist den Studien zufolge vielschichtig: Es fehlen spezialisierte Fachkräfte, eine klare Zielarchitektur und oft auch die digitale Infrastruktur. Hinzu kommen Zweifel an der Datenqualität sowie interne Widerstände gegenüber Automatisierung. Die Autoren empfehlen daher, GenAI zur Chefsache zu machen und Leuchtturmprojekte mit klarem Return on Invest zu priorisieren.

Die US-amerikanische MIT-Studie kommt zu ähnlichen, aber noch deutlich schärfer gezeichneten Schlussfolgerungen. Sie spricht von einem „GenAI Divide“: Während nahezu alle Unternehmen mit generativer KI experimentieren, bringen nur etwa 5 Prozent der integrierten GenAI‑Piloten messbaren wirtschaftlichen Mehrwert. Der Grund? Fehlende Kontextanpassung, mangelnde Lernfähigkeit der Tools und ein zu starker Fokus auf generische Large Language Models (LLMs), die sich nicht in operative Prozesse integrieren lassen. Interessant ist dabei, dass sich selbst in Unternehmen mit hoher Pilotaktivität enorme Skalierungsprobleme zeigen. Vor allem große Unternehmen tun sich schwerer als mittelständische, deren agilere Struktur offenbar schnellere Implementierungen ermöglicht.

Ingenieur verschmilzt mit einer KI-Figur
Ingenieure und Ingenieurinnen erhoffen sich durch den KI-Einsatz spürbare Effizienz und Zeitgewinne, unterschätzen aber das transformative Potenzial der KI.

Wahrnehmung vs. Wirklichkeit: Berufsbilder bleiben (noch) stabil

Eine zweite bemerkenswerte Diskrepanz offenbart die im Mai 2025 veröffentlichte VDI-Studie: 75 Prozent der befragten Ingenieurinnen und Ingenieure erhoffen sich durch den KI-Einsatz spürbare Effizienz– und Zeitgewinne, vor allem bei Routinetätigkeiten. Doch nur 24 Prozent der Befragten (VERB) eine signifikante Änderung ihres Joballtags durch generative KI. Diese Wahrnehmung steht in einem interessanten Spannungsverhältnis zur tatsächlichen technologischen Dynamik. Denn KI-Anwendungen in Bereichen wie Dokumentationsautomatisierung, Fehlersuche, Angebotskalkulation oder Ersatzteilidentifikation verändern schon heute Prozesse und Aufgabenprofile. Der Wandel findet statt – aber vielfach unterhalb der individuellen Wahrnehmungsschwelle. Dieses Missverhältnis zwischen objektivem Wandel und subjektivem Stillstand erschwert Investitionen in Weiterbildung und Kompetenzentwicklung – und bremst so die nachhaltige Transformation der Unternehmen.

Aus der Theorie in die Umsetzung

Was lässt sich daraus ableiten? Die Studien liefern ähnliche, klar strukturierte Empfehlungen:

  1. GenAI zur Chefsache machen: Ohne Führungsimpuls bleiben Projekte im operativen Nirwana stecken.
  2. Strategische Zielbilder formulieren: Wo genau soll GenAI Mehrwert schaffen, in welchen Prozessen?
  3. Skalierbare Leuchtturmprojekte starten: Kleine, aber wirkungsvolle Use Cases schaffen Akzeptanz und Vertrauen.
  4. Technologie mit Lernfähigkeit bevorzugen: Nur Systeme, die sich anpassen und kontextuell weiterentwickeln, liefern langfristigen ROI.
  5. Kulturwandel begleiten: Wahrnehmung, Qualifikation und Kommunikation müssen Teil der Strategie sein.

Fazit: GenAI ja – aber richtig

GenAI ist weder Wundermittel noch Luftnummer. Die Technologie kann im Maschinen- und Anlagenbau einen echten Unterschied machen – wenn sie richtig eingesetzt, skaliert und strategisch verankert wird. Zwischen symbolischen Piloten und echter Integration liegt noch ein weiter Weg. Aber wer ihn geht, hat die Chance, den Maschinen- und Anlagenbau effizienter, resilienter und zukunftsfähiger zu machen.

Die Dampfmaschine revolutionierte einst die physische Arbeit. Die Denkmaschine GenAI könnte nun dasselbe für die Wissensarbeit leisten. Vorausgesetzt, man lässt sie auch wirklich arbeiten.

Autor

Armin Scheuermann
Armin Scheuermann
Chemical engineer and freelance specialised journalist