- 09.02.2026
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- Kreislaufwirtschaft & Recycling
Textilrecycling – das unterschätzte Potenzial für Maschinen- und Anlagenbau
Fast Fashion als Wegwerfware? Was einst teuer war, ist heute in Überfluss verfügbar. Jede Sekunde landet weltweit ein LKW voller Kleidung auf einer Mülldeponie. Der Kleiderschrank als Konsumventil hat eine ökologische Schieflage geschaffen, deren Dimensionen selbst viele Branchenkenner überrascht – und deren Lösung erstaunliches Potenzial birgt. Nicht zuletzt für Maschinen- und Anlagenbauer.
Geschrieben von Armin Scheuermann

Die Zahlen sind schwindelerregend: Weltweit werden jährlich etwa 100 Millionen Tonnen Textilien weggeworfen. Würde man diese Menge auf LKW verladen und aneinanderreihen, die entstehende Kolonne würde sich über 120.000 Kilometer erstrecken – dreimal um die Erde. Allein in der EU fallen jährlich rund 12,6 Millionen Tonnen Alttextilien an, davon 1,3 Millionen Tonnen in Deutschland. Die Sammelquote liegt hierzulande zwar bei etwa 64 Prozent, doch tatsächlich recycelt wird nur etwa ein Viertel davon.
Was passiert mit dem Rest? Ein Teil der gesammelten Textilien wird als Secondhandware weiterverwendet, oft ins Ausland exportiert. Andere landen im Downcycling – sie werden zu Putzlappen, Dämmstoffen oder Geotextilien verarbeitet. Ein erheblicher Anteil jedoch wird thermisch verwertet, also verbrannt. Gründe dafür sind die mangelnde Sortenreinheit, Verschmutzungen oder wirtschaftliche Faktoren. Echtes Faser-zu-Faser-Recycling ist bislang die Ausnahme: weniger als ein Prozent der weltweit weggeworfenen Kleidung wird tatsächlich zu neuer Kleidung recycelt.
Ein Blick ins benachbarte Feld zeigt, was möglich ist: Beim Papierrecycling liegt die EU-Recyclingquote bei rund 80 Prozent. Maschinen- und Anlagenbauer wie Andritz, Voith oder Valmet haben längst aus der Pflicht zum Papierrecycling eine technologische Kür gemacht: Mit fein abgestimmten Prozessen von der Sortierung über die Auflösung bis zur Zellstoffproduktion. Dasselbe Know-how könnte nun im Textilsektor zum Tragen kommen.
Regulatorischer Weckruf: Die EU macht Druck
Die EU-Kommission hat das Thema erkannt – und forciert eine Transformation der Textilindustrie. Mit der „EU-Strategie für nachhaltige und kreislauforientierte Textilien“ (2022) wurde ein ambitionierter Fahrplan bis 2030 definiert:
- Getrenntsammlung von Alttextilien ist seit dem 01.01.2025 Pflicht;
- ab 2027 greift die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) mit Recyclinggebühren pro Kleidungsstück zwischen 1 und 6 Cent (EU-Schätzung bis 12 Cent pro Kleidungsstück);
- bis 2030 sollen 50 Prozent aller Alttextilien recycelt werden;
- und der Clincher, der zu einem massiven Entsorgungsproblem werden kann: Für unsortierte Textilabfälle sind Exportverbote geplant.
Die europäische Vision: Jedes Textilprodukt soll langlebig, reparierbar, recycelbar und rückverfolgbar sein. Fast Fashion soll eingedämmt, Kreislaufwirtschaft belohnt werden.
Technologie: Wo Papier heute steht, kann Textil morgen sein
Analog zum Papierrecycling ist auch beim Textilrecycling der Erfolg eine Frage der Prozesskette – und der Technologie. Entscheidend sind:
- Sortierung: Automatisierte Sortierlösungen mit NIR-Technologie (z. B. von Tomra, Fibersort) ermöglichen eine präzise Fraktionierung nach Faserart, Farbe und Materialzusammensetzung. Kapazitäten liegen aktuell bei bis zu 2 Tonnen pro Stunde – ein Engpass, wenn Milliarden Kleidungsstücke anfallen.
- Mechanisches Recycling: Das etablierte Verfahren ähnelt dem „Reißen“ im Papierrecycling. Hier werden Textilien zu Fasern verarbeitet, aus denen Vliesstoffe oder neue Garne entstehen können. Ideal für sortenreine Baumwolle oder Polyester. Einschränkungen bestehen bei Mischtextilien und der Faserqualität.
- Chemisches Recycling: Noch in der Pilotphase, aber mit großem Potenzial: Die Trennung von Polycotton-Verbindungen oder die Rückgewinnung von Zellulose (ähnlich der Zellstoffgewinnung im Papierbereich) verspricht eine echte stoffliche Rückführung auf Faserlevel.
Einige Start-ups (z. B. Infinited Fiber, Circ) und etablierte Unternehmen (wie Lenzing mit Refibra) arbeiten an skalierbaren Lösungen. Erste Anlagen sind geplant – unter anderem in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden.

Ein Milliardenmarkt im Entstehen
Der globale Markt für Textilrecyclingmaschinen wird bis 2035 auf 6,5 Milliarden USD geschätzt – bei einem jährlichen Wachstum von 4 bis 6 Prozent. Allein in Europa sollen bis 2030 rund 6 Milliarden Euro an Investitionen in Faser-zu-Faser-Infrastrukturen fließen. Das Marktpotenzial für wiederverwertbare Alttextilien liegt bei 20 bis 30 Milliarden Euro, wenn die bestehenden 10 Millionen Tonnen verfügbarer Abfälle effizient genutzt würden.
Was heißt das für den Maschinen- und Anlagenbau?
Für Maschinen- und Anlagenbauer eröffnet das Thema Textilrecycling ein neues, wachsendes Geschäftsfeld – vergleichbar mit der Entwicklung des Papierrecyclings in den 1980er-Jahren. Die Anforderungen an Prozessgenauigkeit, Materialtrennung, Energieeffizienz und Skalierbarkeit sind ähnlich hoch. Und auch hier wird deutlich: Wer den Recyclingprozess ganzheitlich versteht – von der Sortierung über die Zerkleinerung bis hin zur Rückgewinnung verwertbarer Fasern –, wird künftig eine zentrale Rolle in der textilen Kreislaufwirtschaft spielen.
Bereits heute zeigen zahlreiche europäische Unternehmen, wie viel Innovationskraft im Markt steckt. Der österreichische Anlagenbauer Andritz etwa gilt als weltweiter Technologieführer – nicht zuletzt, weil er als bislang einziger Anbieter sämtliche Prozessschritte abdeckt: von der Sortierung über mechanisches bis hin zum chemischen Recycling. Mit seinem Recycling Technology Center in Österreich sowie erfolgreichen Referenzprojekten wie der ersten industriellen Textilsortieranlage Frankreichs bei Nouvelles Fibres Textiles (2024) demonstriert Andritz, was technologisch bereits möglich ist.
Auch Tomra aus Norwegen zeigt, wohin die Reise gehen kann: In Malmö entstand 2021 gemeinsam mit dem Anlagenbauer Stadler die erste vollautomatische Sortieranlage für Alttextilien weltweit. Herzstück ist Tomras Autosort-System mit NIR-/VIS-Technologie, das gemischte Post-Consumer-Textilien sekundenschnell analysiert und fraktioniert – ein Meilenstein für die industrielle Sortierung.
Im Bereich des mechanischen Recyclings hat sich Trützschler aus Deutschland als Full-Liner etabliert. Mit dem Truecycled-Konzept bietet das Unternehmen eine durchgängige Lösung vom Zerschneiden über das Reißen und Kardieren bis hin zur Spinnvorbereitung. In Kooperation mit Balkan Textile Machinery konnte gezeigt werden, dass Garne mit einem Rezyklatanteil von bis zu 60 Prozent Pre-Consumer-Abfällen möglich sind – ein wichtiger Schritt hin zur echten Kreislauffähigkeit.
Chancen für Anbieter von Anlagenkomponenten und -peripherie
Doch auch Spezialisten in Nischenmärkten treiben die Entwicklung voran. Der österreichische Anbieter Erema/Pure Loop hat mit seiner Shredder-Extruder-Technologie ein Verfahren für PET-Fasern entwickelt, das in Großbritannien bereits im kommerziellen Einsatz ist. Parallel dazu liefert Hosokawa Alpine bewährte Schneidmühlen, die seit Jahren kontinuierlich weiterentwickelt wurden und in der Zerkleinerung von Alttextilien zum Einsatz kommen.
Im Bereich der Sortiertechnologie zeigen Unternehmen wie Fibersort/Valvan und Newretex was möglich ist. Mit KI-gestützter NIR-Spektroskopie und RGB-Kameras erreichen sie Sortierleistungen von bis zu einem Kleidungsstück pro Sekunde – inklusive vollständiger Rückverfolgbarkeit des Materials. Noch präziser geht es mit HySpex/Neo, deren Hyperspektralsysteme selbst komplexe Fasermischungen mit hoher Genauigkeit trennen können.
Auch Anlagenbauer wie Valmet, Margasa oder Dell’Orco & Villani bringen jahrzehntelange Erfahrung aus angrenzenden Industrien wie der Zellstoff- oder Vliesstoffproduktion ein und adaptieren diese erfolgreich für die textile Abfallverwertung.

Start-ups mit neuen Ansätzen
Gleichzeitig drängen innovative Start-ups auf den Markt – etwa Resortecs aus Belgien. Mit hitzelöslichen Nähfäden und einem thermischen Demontageverfahren hat das Unternehmen ein System entwickelt, das Kleidungsstücke in kürzester Zeit zerlegt und bis zu 90 Prozent der Materialien zurückgewinnt. Fünf Linien sollen bereits bis 2027 umgesetzt werden.
Europa – insbesondere der deutschsprachige Raum und Skandinavien – nimmt in all diesen Bereichen eine globale Vorreiterrolle ein. Die technologische Führungsposition reicht von der intelligenten Sortierung über mechanische Aufbereitung bis hin zum chemischen Recycling. Die große Herausforderung besteht nun darin, diese Kompetenzen in skalierbare, wirtschaftlich tragfähige Lösungen zu überführen – und dabei die gesamte Prozesskette im Blick zu behalten.
Für den Maschinen- und Anlagenbau bedeutet das: Wer frühzeitig in Entwicklung und Partnerschaften investiert, kann sich als integraler Bestandteil der zukünftigen Textilwirtschaft positionieren. Die Nachfrage nach effizienten, standardisierten und vernetzbaren Anlagen wird steigen – ebenso wie der Bedarf an digital unterstützten Services, Materialrückverfolgbarkeit und prozessübergreifender Steuerung. Kurz gesagt: Wer die Textilkreisläufe von morgen mitgestaltet, sichert sich einen Platz im Zukunftsmarkt – ökologisch wie ökonomisch.
