• 12.01.2026
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Wie funktioniert eigentlich … die Herstellung von Tabletten und Kapseln?

Ein Besuch in einer modernen Tablettenfabrik fühlt sich an wie ein Blick in den Maschinenraum eines gigantischen Instruments: Zahnräder greifen ineinander, Kolben stampfen im Takt, Sensoren blinken synchron – eine industrielle Orgel, die nicht Musik, sondern Arznei produziert.

Geschrieben von Armin Scheuermann

Drei Messebesucher auf der POWTECH TECHNOPHARM blicken in eine geöffnete Tablettenpresse
Tablettenpressen, wie sie auf der POWTECH TECHNOPHARM gezeigt werden, stehen für einen entscheidenden Prozessschritt bei der hocheffizienten Produktion von Tabletten.

12 Milliarden Tabletten und Kapseln – das ist die Kapazität der aktuell modernsten Solida-Produktion in Deutschland: 12 Milliarden Tabletten und Kapseln kann Pfizer in Freiburg Jahr für Jahr herstellen. Unvorstellbar? Nun, man könnte sie theoretisch übereinanderstapeln – und erhielte eine Säule von 60.000 Kilometern Höhe. Aneinander gelegt würden die Pillen aus Freiburg anderthalbmal die Erde umrunden.

Doch was wirklich beeindruckt: Jede einzelne dieser Tabletten und Kapseln entsteht nicht zufällig, sondern mit chirurgischer Präzision – dosiert, gepresst, kontrolliert. Millionenfach am Tag. Im Sekundentakt. Willkommen im Maschinenraum der Massenmedizin.

Weltweit gehören feste Arzneiformen zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten. Jährlich werden hunderte Milliarden Tabletten und Kapseln hergestellt. Allein der Schweizer Hersteller Lonza produziert pro Jahr rund 250 Milliarden Kapselhüllen. Der Bedarf ist enorm – und er wächst stetig. Dabei ist Europa zwar ein industrieller Taktgeber, aber rund 70 Prozent der weltweit eingesetzten pharmazeutischen Wirkstoffe stammen aktuell aus Asien. Doch der Markt ist in Bewegung: Rückverlagerung nach Europa und die USA – letztere in Folge steigender Zollhürden – sind inzwischen strategische Ziele.

Der Inhalt: Mehr als nur Wirkstoff

Die oft unscheinbare Tablette, ist in Wahrheit ein fein abgestimmter Feststoffverbund: Der Wirkstoff macht oft nur einen Bruchteil der Gesamtmasse aus – den Rest übernehmen Exzipientien: Hilfsstoffe, die die Herstellung, Stabilität, Dosierung oder Freisetzung des Wirkstoffs ermöglichen oder steuern und als Trägermaterial dienen. Füllstoffe wie Laktose oder mikrokristalline Cellulose sorgen für Volumen. Bindemittel halten die Mischung zusammen, Sprengmittel beschleunigen den Zerfall im Magen, Fließ- und Schmierstoffe garantieren eine reibungslose Verarbeitung. Auch der Filmüberzug (Coating) erfüllt mehr als ästhetische Funktionen – er schützt, tarnt bitteren Geschmack und kann gezielt die Wirkstofffreisetzung steuern.

Kapseln wiederum bestehen aus zwei Teilen: Hülle und Füllung. Die Hülle aus Gelatine oder HPMC (Hydroxypropylmethylcellulose) wird meist nicht vom Arzneimittelhersteller selbst gefertigt, sondern von Lieferanten bezogen. Sie besteht zu rund 13 bis 16 Prozent aus Wasser, dazu kommen Plastifizierer, Farbstoffe und Konservierungsmittel. Die Füllung ist oft ein Pulvergemisch, kann aber auch aus Pellets oder bei Weichkapseln sogar aus flüssigen oder öligen Substanzen bestehen.

Der Herstellprozess: vom Pulver zum Präzisionsprodukt

Der Weg zur fertigen Tablette beginnt im Kleinen: mit dem Pulver. Zunächst werden Wirk- und Hilfsstoffe exakt verwogen und gemischt – in Hochgeschwindigkeitsmischern oder Trommelmischern. Wenn nötig, wird das Pulver vorgemahlen und gesichtet – etwa mit Mühlen und Sichteranlagen wie sie auf der POWTECH TECHNOPHARM 2026 in Nürnberg zu sehen sein werden.

Je nach Fließeigenschaft des Pulvers folgt eine Granulation: feuchte Granulation (mit Binderlösung und Wirbelschichttrocknung) oder trockene Kompaktierung (Walzenkompaktoren, anschließend zerkleinert). Alternativ kann auch direkt verpresst werden – allerdings nur bei exzellenten Pulvereigenschaften.

Herzstück ist die Tablettierung: Moderne Rundläuferpressen schaffen über 1 Million Tabletten pro Stunde. Mit 70 bis 80 Stempelstationen arbeiten sie wie rotierende Stempelwerke – in jedem Takt entsteht eine neue Tablette. Sensorik überwacht dabei kontinuierlich Druck, Gewicht und Dicke jeder einzelnen Tablette, immer häufiger analysieren sogar NIR-Spektrometer den Wirkstoffgehalt – eine Inline-Qualitätskontrolle im Hochfrequenzmodus.

Abschließend folgt oft noch das Coating – in Trommelcoatern, die wie rotierende Backtrommeln funktionieren. Danach wird verpackt, meist in Blistermaschinen, und alles dokumentiert – GMP-konform, chargenrein und rückverfolgbar.

Messebesucher auf der POWTECH TECHNOPHARM an einem Wirbelschicht-Apparat
Wirbelschichtanlagen spielen in der Tabletten- und Kapselproduktion ebenfalls eine wichtige Rolle.

Kapseln: Präzisionsfüller für komplexe Wirkstoffgemische

Anders als Tabletten werden Kapseln nicht gepresst, sondern gefüllt. Die leeren Hüllen kommen industriell vorgefertigt ins Werk – gefertigt durch Eintauchen von Metallstiften in Gelatinelösungen. Die Füllmaschinen übernehmen das Handling: Kapseln ausrichten, trennen, befüllen (mittels Dosierschnecke, Stopfstempel oder Dosierplatte) und wieder verschließen.

Hochleistungsanlagen erreichen bis zu 225.000 Kapseln pro Stunde – wenngleich das präzise Handling der Hüllen anspruchsvoller und damit langsamer ist als das Pressen von Tabletten. Anschließend können die Kapseln zusätzlich versiegelt oder poliert werden – etwa mit weichen Bürsten, um Pulveranhaftungen zu entfernen.

Bei Weichgelatinekapseln läuft alles in einem integrierten Gießpressverfahren: Zwei Gelatinestreifen formen zusammen mit der flüssigen Füllung direkt versiegelte Kapseln – hochautomatisiert, effizient und hygienisch.

Messefokus: Technik, die Prozesse prägt

Die POWTECH TECHNOPHARM 2026 (29. September bis 01. Oktober in Nürnberg) bringt all diese Technologien unter ein Dach. Von Zerkleinerung über Mischung, Granulation, Trocknung, Tablettierung, Kapselbefüllung bis zur Verpackung – jeder Prozessschritt findet hier seine Bühne.

Maschinenbauer wie Hosokawa, Glatt, Korsch, Romaco, GEA, IMA, Ceia, Fette Compacting Müller oder Syntegon zeigen, wie mechanische Verfahrenstechnik und GMP-Anforderungen verschmelzen. Spektakuläre Live-Demos machen die Messe zu einem interaktiven Erlebnis.

Besonderes Augenmerk liegt zudem auf Containment-Lösungen, die mikroskopisch kleine Pulvermengen sicher abschotten. Auch Single-Use-Komponenten, also Einweg-Isolatoren oder Einmalbeutel zur Vermeidung von Kreuzkontamination, sind im Trend.

Ausblick: wenn Technik heilt

Die industrielle Tabletten- und Kapselproduktion mag auf den ersten Blick wie ein hochautomatisierter Taktprozess erscheinen – doch bei näherem Hinsehen zeigt sich ein faszinierendes Zusammenspiel aus Ingenieurskunst, Sensorik, Prozesslogik und Verantwortung. Jede Tablette, die in der Apotheke über den Tresen geht, ist das Ergebnis eines orchestrierten Zusammenspiels hunderter Schritte.

Autor

Armin Scheuermann
Armin Scheuermann
Chemical engineer and freelance specialised journalist