12 Milliarden Tabletten und Kapseln – das ist die Kapazität der aktuell modernsten Solida-Produktion in Deutschland: 12 Milliarden Tabletten und Kapseln kann Pfizer in Freiburg Jahr für Jahr herstellen. Unvorstellbar? Nun, man könnte sie theoretisch übereinanderstapeln – und erhielte eine Säule von 60.000 Kilometern Höhe. Aneinander gelegt würden die Pillen aus Freiburg anderthalbmal die Erde umrunden.
Doch was wirklich beeindruckt: Jede einzelne dieser Tabletten und Kapseln entsteht nicht zufällig, sondern mit chirurgischer Präzision – dosiert, gepresst, kontrolliert. Millionenfach am Tag. Im Sekundentakt. Willkommen im Maschinenraum der Massenmedizin.
Weltweit gehören feste Arzneiformen zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten. Jährlich werden hunderte Milliarden Tabletten und Kapseln hergestellt. Allein der Schweizer Hersteller Lonza produziert pro Jahr rund 250 Milliarden Kapselhüllen. Der Bedarf ist enorm – und er wächst stetig. Dabei ist Europa zwar ein industrieller Taktgeber, aber rund 70 Prozent der weltweit eingesetzten pharmazeutischen Wirkstoffe stammen aktuell aus Asien. Doch der Markt ist in Bewegung: Rückverlagerung nach Europa und die USA – letztere in Folge steigender Zollhürden – sind inzwischen strategische Ziele.
Der Inhalt: Mehr als nur Wirkstoff
Die oft unscheinbare Tablette, ist in Wahrheit ein fein abgestimmter Feststoffverbund: Der Wirkstoff macht oft nur einen Bruchteil der Gesamtmasse aus – den Rest übernehmen Exzipientien: Hilfsstoffe, die die Herstellung, Stabilität, Dosierung oder Freisetzung des Wirkstoffs ermöglichen oder steuern und als Trägermaterial dienen. Füllstoffe wie Laktose oder mikrokristalline Cellulose sorgen für Volumen. Bindemittel halten die Mischung zusammen, Sprengmittel beschleunigen den Zerfall im Magen, Fließ- und Schmierstoffe garantieren eine reibungslose Verarbeitung. Auch der Filmüberzug (Coating) erfüllt mehr als ästhetische Funktionen – er schützt, tarnt bitteren Geschmack und kann gezielt die Wirkstofffreisetzung steuern.
Kapseln wiederum bestehen aus zwei Teilen: Hülle und Füllung. Die Hülle aus Gelatine oder HPMC (Hydroxypropylmethylcellulose) wird meist nicht vom Arzneimittelhersteller selbst gefertigt, sondern von Lieferanten bezogen. Sie besteht zu rund 13 bis 16 Prozent aus Wasser, dazu kommen Plastifizierer, Farbstoffe und Konservierungsmittel. Die Füllung ist oft ein Pulvergemisch, kann aber auch aus Pellets oder bei Weichkapseln sogar aus flüssigen oder öligen Substanzen bestehen.
Der Herstellprozess: vom Pulver zum Präzisionsprodukt
Der Weg zur fertigen Tablette beginnt im Kleinen: mit dem Pulver. Zunächst werden Wirk- und Hilfsstoffe exakt verwogen und gemischt – in Hochgeschwindigkeitsmischern oder Trommelmischern. Wenn nötig, wird das Pulver vorgemahlen und gesichtet – etwa mit Mühlen und Sichteranlagen wie sie auf der POWTECH TECHNOPHARM 2026 in Nürnberg zu sehen sein werden.
Je nach Fließeigenschaft des Pulvers folgt eine Granulation: feuchte Granulation (mit Binderlösung und Wirbelschichttrocknung) oder trockene Kompaktierung (Walzenkompaktoren, anschließend zerkleinert). Alternativ kann auch direkt verpresst werden – allerdings nur bei exzellenten Pulvereigenschaften.
Herzstück ist die Tablettierung: Moderne Rundläuferpressen schaffen über 1 Million Tabletten pro Stunde. Mit 70 bis 80 Stempelstationen arbeiten sie wie rotierende Stempelwerke – in jedem Takt entsteht eine neue Tablette. Sensorik überwacht dabei kontinuierlich Druck, Gewicht und Dicke jeder einzelnen Tablette, immer häufiger analysieren sogar NIR-Spektrometer den Wirkstoffgehalt – eine Inline-Qualitätskontrolle im Hochfrequenzmodus.
Abschließend folgt oft noch das Coating – in Trommelcoatern, die wie rotierende Backtrommeln funktionieren. Danach wird verpackt, meist in Blistermaschinen, und alles dokumentiert – GMP-konform, chargenrein und rückverfolgbar.


