• 09.03.2026
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Update: Lage der Chemie 2026: Schein oder Sein?

Wenn an der Börse die Zukunft gehandelt wird, dann scheint die der Chemieindustrie wieder rosig zu sein: Die Kurse der Chemieunternehmen legten in den ersten sechs Wochen des Jahres 2026 deutlich zu. Hat die Chemie ihre dunklen Jahre seit Beginn des russischen Angriffskrieges in 2022 damit abgehakt?

Geschrieben von Armin Scheuermann

Kurvenverlauf der Aktienkurse europäischer Chemieunternehmen vor dem Hintergrund einer Chemieanlage
Die Aktienkurse europäischer Chemieunternehmen (Stoxx Europe 600 Chemicals) legten zum Jahresbeginn 2026 um neun Prozent zu.
Index-Grafik mit zwei Kurven für den Auftragseingang in der Chemie von 2020 bis 2025
Der Auftragseingang in deutschen Chemieunternehmen ist auch 2025 weiter gesunken.

Warum Börsenkurse derzeit wenig mit der tatsächlichen Chemiekonjunktur zu tun haben

Satte neun Prozent Plus – so viel Chemie-Optimismus war schon lange nicht mehr! Die Rede ist vom STOXX Europe 600 Chemicals, einem Index, der die Aktien großer europäischer Chemiekonzerne zusammenfasst. Während Tech-Aktien unter Druck gerieten, griffen Investoren beherzt bei Chemiewerten zu. Ist die Chemieindustrie auf dem Weg, die schwierigen Jahre hinter sich zu lassen? Eine vorschnelle Antwort verbietet sich. Denn der Blick in die realwirtschaftlichen Daten zeigt zunächst ein anderes Bild.

2025: Die Hoffnungen erfüllen sich nicht

Im Januar 2025 hatten wir noch von einer möglichen Bodenbildung gesprochen. Der deutsche Chemieverband VCI erwartete damals für 2025 eine leichte Produktionssteigerung von 0,5 Prozent, getragen von Pharma, während die Chemie stagnieren sollte. Der Umsatz sollte sich stabilisieren.

Doch zum Jahresende machte sich Ernüchterung breit: Der VCI bilanzierte für 2025 für die chemisch-pharmazeutische Industrie ein Umsatz-Minus von 0,5 Prozent, die Chemieproduktion (ohne Pharma) sank sogar um 2,5 Prozent. Der Gesamtumsatz ging um 1 Prozent zurück, der Chemieumsatz um rund 3 Prozent. Besonders alarmierend: Die Kapazitätsauslastung fiel im Jahresverlauf zeitweise auf rund 70 bis 72 Prozent – weit unter der Rentabilitätsschwelle von 82 Prozent. Pharma wirkte stabilisierend – mit einem Produktionsplus von rund 3 Prozent –, konnte die strukturelle Schwäche der Grund- und Spezialchemie aber nicht kompensieren.

Damit ist klar: Die im Januar 2025 formulierte vorsichtige Hoffnung auf eine Stabilisierung hat sich nicht erfüllt. 2025 war kein Jahr der Trendwende, sondern ein weiteres Jahr der Seitwärts- bis Abwärtsbewegung.

Europa: Marktanteile unter Druck

Auf europäischer Ebene zeigt sich ein ähnliches Bild. Der europäische Chemieverband Cefic beziffert den Branchenumsatz in der EU auf 635 Milliarden Euro bei 1,2 Millionen Beschäftigten. Doch der strukturelle Befund ist ernüchternd: Europas Anteil am globalen Chemikalienmarkt liegt nur noch bei rund 13 Prozent, während China inzwischen 46 Prozent erreicht.

Hinzu kommt der anhaltende Kostennachteil bei Energie. Laut Cefic liegen die europäischen Gaspreise weiterhin etwa dreimal so hoch wie in den USA. Gleichzeitig verharrt die Kapazitätsauslastung deutlich unter dem Vorkrisenniveau; sie liegt rund 9,5 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2019.

Damit bestätigt sich, was bereits 2024 absehbar war: Europas Chemie verliert nicht nur zyklisch, sondern strukturell an Gewicht.

Global betrachtet verläuft die Entwicklung also weiterhin asymmetrisch. In den USA rechnet der Verband American Chemistry Council für 2025 und 2026 mit moderatem Volumenwachstum, gestützt durch günstige Schiefergaspreise, Investitionsprogramme und eine vergleichsweise stabile Industrienachfrage. China bleibt der mit Abstand dominante Akteur: Mit rund 46 Prozent Anteil am weltweiten Chemieumsatz verschiebt sich das Gravitationszentrum der Branche weiter nach Asien. Die massiven Kapazitätsausbauten der vergangenen Jahre sorgen allerdings auch dort für Preisdruck auf den Weltmärkten – mit direkten Folgen für europäische Anbieter. Der globale Wettbewerb verschärft sich damit weiter: Während die USA ihren Kostenvorteil nutzen und China seine Skaleneffekte ausspielt, steht Europa vor der strategischen Frage, wie es industrielle Substanz und technologische Führungsansprüche zugleich sichern will.

Weltkarte mit Chemieumsätzen einzelner Länder und Regionen
China überholt Europa und die USA als Chemienation.

Insolvenzen und Standortanpassungen

Die Schwächephase spiegelt sich auch in der Insolvenzentwicklung wider. 2025 bewegten sich die monatlichen Unternehmensinsolvenzen in Deutschland mehrfach im Bereich von 1.900 bis über 2.100 Fällen. Für die Chemie im engeren Sinn (WZ 20) zeigen die Halbjahreszahlen zwar kein explosionsartiges Wachstum, wohl aber eine anhaltende Unsicherheit.

Gravierender als klassische Insolvenzen sind jedoch strukturelle Kapazitätsschließungen. Ein von Cefic beauftragter Wettbewerbsfähigkeitsbericht dokumentiert einen Verlust von rund elf Prozentpunkten Weltmarktanteil seit 2008 sowie eine ausgeprägte Investitionslücke. Für 2023/24 wurden in Europa Kapazitätsschließungen im Umfang von rund 11 Millionen Tonnen angekündigt – etwa 2 bis 4 Prozent der Upstream-Chemie. Das sind keine zyklischen Anpassungen mehr, sondern Eingriffe in die industrielle Substanz.

Investitionen: Ambivalente Signale

Gleichzeitig senden große Konzerne gemischte Signale. BASF plant für 2025 bis 2028 Investitionen von rund 16 Milliarden Euro, darunter etwa 3 Milliarden Euro für den neuen Verbundstandort Zhanjiang in China. Ab 2026 sollen die Investitionen allerdings „deutlich unter dem Abschreibungsniveau“ liegen.

Kurzfristig stützt das den Free Cashflow – langfristig wirft es Fragen nach der Modernisierung des europäischen Anlagenparks auf. Wenn die Investitionen (Capex) dauerhaft unter Abschreibungen liegen, altert der Standort.

Parallel arbeitet die Branche an technologischen Antworten: elektrisch beheizte Steamcracker-Demonstratoren, Batterierecycling, neue Verbundlogiken. Doch diese Projekte stehen bislang eher für Pilotierung als für flächendeckende Transformation.

AI-Scare-Trades statt Chemie-Aufschwung

Warum also die eingangs beschriebene Börsenrally? Hier kommt die Kapitalmarktperspektive ins Spiel. Reuters und Bloomberg berichteten Anfang 2026 über deutliche Kursgewinne im europäischen Chemiesektor, teils getragen von regulatorischem Optimismus und sektoraler Umschichtung.

Ein zentraler Treiber ist der sogenannte „AI-Scare-Trade“: Nach Turbulenzen bei hochbewerteten Tech-Aktien rotieren Investoren in günstig bewertete Substanzwerte. Chemieaktien, nach zwei schwachen Jahren historisch niedrig bewertet, profitieren von dieser Umschichtung.

Hoffnung macht die Erwartung, dass der zyklische Tiefpunkt erreicht sein könnte. Nach massivem Lagerabbau in 2024 und 2025 erscheint eine Stabilisierung der Nachfrage im zweiten Halbjahr 2026 möglich. Kostensenkungsprogramme beginnen zu greifen, Restrukturierungen zeigen Wirkung. Der Markt preist nicht die Gegenwart ein – sondern die Hoffnung auf Margenerholung.

Ist die Chemieindustrie also auf dem Weg aus der Krise? Die nüchterne Antwort lautet: realwirtschaftlich noch nicht. Produktion und Umsatz sind 2025 erneut gesunken, die Auslastung liegt historisch niedrig, Europas Marktanteil schrumpft weiter. Die strukturellen Herausforderungen – Energiepreise, Regulierung, Investitionszurückhaltung – sind ungelöst.

Balkengrafik mit Zahlen für die Chemie- und Pharmaproduktion 2026 sowie ein Bild zweier Bergsteiger
Der Chemieverband VCI rechnet auch für 2026 nicht mit einer Besserung des Chemiegeschäfts, aber mit einem leichten Wachstum im Pharmasegment.

Verbände bleiben pessimistisch

Deshalb geben sich die Branchenverbände für 2026 keinen Illusionen hin. Der VCI erwartet für die chemisch-pharmazeutische Industrie bestenfalls eine Stagnation, für die Chemie sogar einen weiteren Produktionsrückgang von rund einem Prozent – begleitet von sinkenden Umsätzen im In- und Ausland. Von einer Trendwende ist keine Rede. Cefic zeichnet ein ähnlich zurückhaltendes Bild für Europa: Die Auslastung bleibt deutlich unter Vorkrisenniveau, der Kostennachteil bei Energie besteht fort, und der Weltmarktanteil Europas schrumpft weiter. Die Botschaft ist eindeutig: Selbst, wenn sich der Konjunkturzyklus 2026 stabilisieren sollte, steht die Branche vor strukturellen Herausforderungen, die sich nicht allein mit einem zyklischen Aufschwung lösen lassen.

Doch an der Börse wird bekanntlich die Zukunft gehandelt: Wenn das Schlimmste eingepreist ist, reicht bereits eine leichte Verbesserung der Erwartungen für eine kräftige Kursbewegung. Die aktuelle Rally ist daher weniger Beweis einer industriellen Renaissance als Ausdruck einer Bewertungsnormalisierung im Zuge von KI-Scare-Trades und Sektorrotation. Die Börse handelt die Zukunft. Die Industrie muss sie erst noch verdienen.

Januar 2025: Die globale Lage der Chemieindustrie: Herausforderungen und Ausblick

Die Flaute in der Chemieindustrie hält an. Waren es im vergangenen Jahr vor allem europäische und deutsche Hersteller, die über sinkende Umsätze und unzureichende Kapazitätsauslastung klagten, so ist das Phänomen inzwischen global - die Weltkonjunktur zeigt deutliche Bremsspuren. Wir blicken zurück ins Jahr 2024 und wagen einen Ausblick.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland blickt auf ein herausforderndes Jahr 2024 zurück. Trotz eines leichten Produktionszuwachses von 2 Prozent befindet sich die Branche weiterhin in einem tiefen Tal, das von sinkenden Umsätzen, geringer Auftragslage und anhaltendem Anpassungsdruck geprägt ist. Die wirtschaftliche Lage spiegelt nicht nur die Schwierigkeiten in Deutschland wider, sondern auch globale Trends, wie sie in den Berichten von Deloitte und Cefic deutlich werden.

Markus Steilemann, Vorstandsvorsitzender des Kunststoffherstellers Covestro und Präsident des deutschen Chemieverbandes VCI, zog bei der Vorstellung der Branchenbilanz am 13. Dezember 2024 ein ernüchterndes Fazit: „Der einzige Lichtblick ist, dass sich die rasante Talfahrt der letzten beiden Jahre nicht fortgesetzt hat.“ Trotz eines Produktionsplus von 2 Prozent liegt der Output der chemischen Industrie immer noch deutlich unter dem Niveau von 2018. Zum Vergleich: Die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie ging um 16 Prozent zurück, die der Chemie allein sogar um 17 Prozent. Dies verdeutlicht die tiefe Strukturkrise der Branche.

VCI-Präsident Markus Steilemann bei der Pressekonferenz des Chemieverbands
VCI-Präsident Markus Steilemann berichtete auf einer Pressekonferenz im Dezember 2024 über die Herausforderungen für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland.

Zudem waren die Produktionsanlagen 2024 im Durchschnitt nur zu 75 Prozent ausgelastet - ein Wert, der seit vier Jahren unter der Rentabilitätsschwelle von 82 Prozent liegt. Diese Unterauslastung führte bereits zu Werksschließungen und weiteren geplanten Stilllegungen, insbesondere in Deutschland. Gleichzeitig kämpfen die Unternehmen mit sinkenden Preisen: Chemikalien waren im Schnitt 2,5 Prozent billiger als im Vorjahr, was den Umsatzrückgang von 2 Prozent auf 221 Milliarden Euro zusätzlich verschärfte. Besonders betroffen war der Inlandsumsatz mit einem Minus von 4 Prozent.

Die Pharmaproduktion verzeichnete ein Minus von 1,5 Prozent, belastet durch Lieferkettenprobleme, Kapazitätsengpässe und eine rückläufige Nachfrage aus Europa und den USA. Auch die Spezialchemie geriet ins Stocken: Zum dritten Mal in Folge sank die Produktion, diesmal um 2 Prozent.

Weltwirtschaft schwächelt

Globale Trends verdeutlichen die unterschiedliche Entwicklung der Chemiebranche: Während Europa und insbesondere Deutschland mit hohen Energiepreisen und einer komplexen Regulierungslandschaft kämpfen, profitieren die USA von günstigem Schiefergas und staatlichen Investitionsprogrammen. Dennoch wachsen auch in den USA die Bäume nicht in den Himmel angesichts einer sich voraussichtlich weiter abschwächenden Konjunktur: Der US-amerikanische Chemieverband ACC berichtete im Dezember, dass das Volumen der Chemieimporte und -exporte 2024 deutlich gesunken ist - auf den niedrigsten Wert seit 2021. Für die Region Asien mit China als weltweit größtem Chemieproduzenten liegen derzeit noch keine Daten vor - 2023 war die Chemieproduktion in China noch um 6,1 Prozent gestiegen.

Die europäische Chemieindustrie bleibt dagegen deutlich hinter ihren Erwartungen für eine Belebung der Chemiekonjunktur in 2024 zurück. Laut Cefic sind die Exporte zwar um 8 Prozent gestiegen, die Wettbewerbsfähigkeit wird aber durch hohe Produktionskosten und eine geringe Dynamik beeinträchtigt. So werden die Gaspreise in Europa auch 2024 fast viermal so hoch sein wie in den USA.

Wenig Optimismus für 2025

Der Ausblick auf das Jahr 2025 gibt wenig Anlass zu Optimismus und ist von vielen Unsicherheiten geprägt. Die Produktion könnte laut VCI um 0,5 Prozent steigen - getragen von einem leichten Plus bei Pharma (+0,5 Prozent) und einer Stagnation in der Chemie. Der Umsatz soll auf dem Niveau von 2024 verharren.

Auch der ACC sieht weitere Schwierigkeiten: „Mit Blick auf das Jahr 2025 werden sich für die US-Chemieproduzenten eine Reihe von Herausforderungen und Chancen ergeben“, sagt Martha Moore, Chefökonomin beim American Chemistry Council: „Vor dem Hintergrund einer neuen politischen Führung, einer schwachen globalen Nachfrage und der Produktion aus China freut sich die US-Chemieindustrie darauf, auf ihrem Energievorteil aufzubauen...“.

In Deutschland sind die Mitgliedsunternehmen des VCI geteilter Meinung über eine mögliche Erholung: Während die optimistischeren Unternehmen bereits im Herbst 2025 eine Wende erwarten, rechnet jedes zweite Unternehmen erst 2026 oder später mit einer deutlichen Nachfragebelebung.

Ein entscheidender Hebel für die Zukunft der Branche bleibt die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Laut einer Studie von Boston Consulting müssen die deutschen Chemieunternehmen ihre Produktivität um 10 bis 30 Prozent steigern, um international mithalten zu können. Dies erfordert Innovationen, Investitionen und ein wirtschaftsfreundliches Umfeld. Doch gerade bei den Investitionen gibt es eine besorgniserregende Entwicklung: Während deutsche Unternehmen ihre Innovationsbudgets kürzen, steigen die Investitionen im Ausland - vor allem in den USA und Asien.

Globale Perspektiven: Handel als Chance

Das EU-Mercosur-Abkommen bietet der Branche neue Chancen. Laut Cefic könnte das Abkommen den Handel mit Südamerika stärken, Zölle abbauen und Investitionen fördern. Dies würde der europäischen Chemieindustrie dringend benötigte Wachstumsimpulse geben, auch um die Abhängigkeit von China zu verringern.

Angesichts der weiterhin bestehenden Herausforderungen in Europa appelliert der VCI an die Politik. Zentrale Forderungen sind

  • Wettbewerbsfähige Energiepreise: Stromkosten senken und Infrastruktur ausbauen
  • Bürokratieabbau: Genehmigungsverfahren vereinfachen
  • Unternehmenssteuerreform: Entlastung der Unternehmen
  • Zukunftsinvestitionen: Vorrang für Infrastruktur, Bildung und Sicherheit

Fazit: Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland steht am Scheideweg. Die Weichenstellungen im Jahr 2025 - sei es durch politische Entscheidungen, technologischen Fortschritt oder strategische Investitionen - werden darüber entscheiden, ob die Branche ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnt und von den globalen Wachstumsimpulsen profitieren kann.

Verlauf der Produktionszahlen für Chemikalien und Pharmazeutika in Deutschland
Entwicklung der Chemie– und Pharmaproduktion in Deutschland

März 2024: Die globale Lage der Chemieindustrie: Herausforderungen und Ausblick

Das Lamento Chemieindustrie in Deutschland ist groß: Der Chemieverband VCI beklagt eine schwache Konjunktur, hohe Energiepreise und die überbordende Bürokratie. Doch wie stellt sich die Situation weltweit dar? Wo gibt es Gewinner und Verlierer? Wir blicken zurück auf 2023 und wagen einen Blick in die Zukunft.

Die chemische Industrie steht weltweit, in Europa, Deutschland und den USA vor einer Reihe von Herausforderungen, die ihre Entwicklung und Zukunftsperspektiven prägen. Die jüngsten Prognosen des europäischen Chemieverbands Cefic und des deutschen Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) verdeutlichen, dass die Branche in einer kritischen Phase ist, geprägt von geringem Wachstum, rückläufiger Produktion und schwierigen Marktbedingungen.

In Europa musste die chemische Industrie seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 einen deutlichen Rückschlag hinnehmen, vor allem in Schlüsselsektoren wie Petrochemie, Polymere in Primärformen und anorganische Grundstoffe. Einer der Hauptgründe dafür ist der Anstieg der Energiepreise nach dem Ausfall russischer Gaslieferungen. Hinzu kommen der Rückgang der Nachfrage nach Gütern infolge der Covid-19-Pandemie, Inflation, sinkende Kaufkraft und eine komplexe Regulierungsagenda. Marco Mensink, Generaldirektor des europäischen Chemieverbands Cefic, weist darauf hin, dass die hohen Energie- und Rohstoffkosten die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf den globalen Chemiemärkten beeinträchtigen: „Die Energiekosten sind die Achillesferse der europäischen Chemieindustrie. Keine andere Region der Welt ist davon so betroffen wie unsere.“ Auch deshalb stehen Investitionen in Europa unter großem Druck. Währenddessen wird in anderen Regionen, insbesondere in den USA und der Golfregion, wieder vermehrt investiert.

China, der mit Abstand größte globale Chemieproduzent, spielt als größter Handelspartner der EU27 für chemische Erzeugnisse eine entscheidende Rolle - und die Abhängigkeit Europas von chinesischen Importen steigt weiter. Doch trotz der schwierigen Lage erwartet der europäische Chemieverband für 2024 eine allmähliche Normalisierung der Nachfragestrukturen und einen Anstieg der Kaufkraft, was die private Nachfrage ankurbeln könnte. Dennoch bleiben die Wachstumserwartungen für 2024 begrenzt. Nach Schätzungen des Cefic könnte die Chemieproduktion in Europa in diesem Jahr um 1 % steigen.

Sonderfall Deutschland

Die Situation ist in Deutschland, dem größten Chemiestandort Europas besonders kritisch. Der Chemieverband VCI zeigte sich bei der Vorstellung der Jahresbilanz im Dezember auf ganzer Linie enttäuscht: Ohne Pharmageschäft ist die Chemieproduktion 2023 um 11 Prozent gesunken. Die Auslastung der Produktionskapazitäten lag mit 77 Prozent unterhalb der wirtschaftlich notwendigen Grundauslastung von 82 Prozent. 15 Prozent der rund 1.900 Mitgliedsunternehmen würden bereits rote Zahlen schreiben, berichtet der Verband aus einer Mitgliederumfrage. „Wir befinden uns mitten in einem tiefen, langen Tal. Und noch ist unklar, wie lange wir es durchschreiten müssen“, sagt VCI-Präsident Markus Steilemann.

Auch die Zukunftsaussichten seien nicht vielversprechend, mit Erwartungen an weiterhin rückläufige Umsätze und Produktionszahlen. Die Unternehmen stehen unter Druck durch Umsatzrückgang, sinkende Verkaufspreise und hohe Produktionskosten. Dies hat zu drastischen Maßnahmen geführt, einschließlich der Schließung von Produktionsanlagen und der Verlagerung von Investitionen ins Ausland.

BASF, ein führendes Unternehmen in der deutschen Chemieindustrie, kündigte die Schließung wichtiger Produktionsanlagen im Ludwigshafener Werk an, um den steigenden Kosten, insbesondere den hohen Erdgaspreisen, entgegenzuwirken. Dies spiegelt die allgemeine Tendenz in Deutschland wider, in der die Unternehmen gezwungen sind, ihre Kostenstruktur anzupassen und Investitionen ins Ausland zu verlagern.

USA und der globale Wettbewerb gewinnen

Im Gegensatz dazu weist die chemische Industrie in den USA dank jüngster Gesetzgebungen wie dem Inflation Reduction Act und dem Chips Act eine positivere Entwicklung auf. Der US-Chemieverband ACC rechnete in seiner Prognose vom November 2023 zwar mit einem Rückgang der Produktion um 1,9 %, doch 2024 erwartet der Verband für die US-Chemie wieder ein leichtes Wachstum. Nach Zahlen des ACC ist die Chemieproduktion in 2023 weltweit um 0,3 Prozent gestiegen, 2024 könnte das globale Plus sogar 2,9 Prozent erreichen.

Obwohl auch der US-Verband eine ausufernde Regelungswut der US-Regierung für die Chemikalienproduktion beklagt, scheinen die Mitgliedsunternehmen deutlich optimistischer in die nahe Zukunft zu blicken, als ihre Wettbewerber in Deutschland: Die Unternehmensinvestitionen sind im Jahr 2023 um 4,1 % gestiegen. Für 2024 rechnet der Verband allerdings aufgrund höherer Kreditkosten und erwarteten niedrigeren Verbraucherausgaben mit sinkenden Investitionsausgaben.

Dass die weltweite Chemieproduktion in 2023 trotz schwacher Zahlen aus Europa und den USA überhaupt zulegen konnte, liegt vor allem an der vergleichsweise starken Entwicklung der Produzenten im Asien-Pazifik-Raum, allen voran China: Das Plus lag hier bei satten 3,7 Prozent.

Herausforderungen und Licht am Ende des Tunnels

Insgesamt steht die globale Chemieindustrie vor einer ganzen Reihe an Herausforderungen: Regional unterschiedlich hohe Energie- und Rohstoffkosten, eine aktuell schwache Nachfrage, strengere Regulierung und geopolitische Unsicherheit. Die Industrie in Europa und insbesondere in Deutschland hat es besonders schwer, während die USA dank politischer Unterstützung, kostengünstiger Energie und Rohstoffe (Schiefergas) und einem insgesamt positiven Investitionsumfeld eine stabilere Position einnehmen.

Für die Zukunft zeigt sich ein uneinheitliches Bild: Während in einigen Bereichen wie der Petrochemie Überkapazitäten bestehen, könnten Innovation und technologische Fortschritte neue Wachstumschancen schaffen. Die chemische Industrie in Europa, vor allem in Deutschland, wird sich wahrscheinlich auf Effizienzsteigerungen und die Entwicklung neuer Produkte und Technologien (Spezialchemie) konzentrieren, um den Herausforderungen der Energiewende zu begegnen und die Vorgaben des europäischen Green Deal zu erfüllen. In diesem Zusammenhang wird die Digitalisierung eine entscheidende Rolle spielen. Auch die Umstellung auf nachhaltigere Praktiken und die Betonung der Kreislaufwirtschaft werden wichtige Trends in der chemischen Industrie sein. Diese Entwicklungen könnten dazu beitragen, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren und gleichzeitig neue Marktchancen zu eröffnen.

In den USA wird erwartet, dass die Chemieindustrie weiterhin von den Investitionen in saubere Energie und der Stärkung der heimischen Fertigungsbasis profitieren wird. Die Herausforderungen durch höhere Zinssätze und die weltweite Konjunkturabkühlung werden jedoch auch dort spürbar sein. Global gesehen dürfte sich die Chemieindustrie langfristig erholen, da die weltweite Nachfrage nach Chemikalien insgesamt steigt. Die Branche muss sich jedoch an veränderte geopolitische Szenarien und an die Notwendigkeit einer stärkeren Lokalisierung und Diversifizierung der Lieferketten anpassen.

Der Anpassungsdruck in Deutschland und Europa ist besonders groß - denn an den Wettbewerbsnachteilen durch hohe Energie- und Rohstoffpreise wird sich in naher Zukunft nichts ändern.

Autor

Armin Scheuermann
Armin Scheuermann
Chemical engineer and freelance specialised journalist