• 11.05.2026
  • Artikel

Digitale Souveränität: Wie Europas Industrie in unsicheren Zeiten handlungsfähig bleibt

Digitale Souveränität entscheidet in Zeiten von Deglobalisierung und brüchigen Allianzen darüber, ob Europas produzierende Industrie ihre Daten, Prozesse und ihr Know-how wirklich selbst steuert oder von externen Clouds und Rechtsräumen abhängig bleibt.

Geschrieben von Marius Schaub

Fotorealistische Industrieanlage mit Tanks und Rohrleitungen bei Abendlicht, darüber ein Cloud-Symbol im Ring aus EU‑Sternen und leuchtende Datenlinien
Unternehmen, Staaten, die Europäische Union: Alle wollen digitale Souveränität. Sie zu erreichen, ist jedoch nicht einfach.

Wero ist als Kampfansage gestartet: ein Echtzeit-Bezahlsystem, von europäischen Banken entwickelt, um Geldtransfers in wenigen Sekunden direkt vom Girokonto zu ermöglichen – ohne amerikanische Einflüsse, souveräner, freier als PayPal und mindestens so sicher. Nur: Ende April 2026 wurde bekannt, dass die Dienste des Bezahldienstes teilweise von AWS abhängen – die Cloudtochter des US-Giganten Amazon.

Aleph Alpha ist als Hoffnung gestartet: eine generative KI-Lösung aus Deutschland, nutzbar von Unternehmen und dem öffentlichen Sektor, mit Fokus auf Datensouveränität, Erklärbarkeit und Sicherheit. Besonderes Augenmerk richteten die Macher auf europäische Datenschutzrichtlinien, kritische Infrastrukturen und regulierte Branchen. Nur: Ende April 2026 wurde das Start-up von Cohere übernommen, einem Unternehmen aus Nordamerika.

Zwei Meldungen, ein Grundtenor: Europa strebt nach digitaler Souveränität. Unter dem Eindruck von Deglobalisierung, unzuverlässiger werdenden Bündnispartnern und an Macht gewinnenden autokratischen Regimen versuchen die Union, ihre Mitgliedstaaten und eine wachsende Zahl europäischer Unternehmen, nicht nur die physischen, sondern auch ihre digitalen Lieferketten resilienter zu gestalten und Services in-house oder zumindest „in-EU“ zu verankern. Doch der Weg zur Souveränität ist steinig und von Rückschlägen gesäumt – wie die jüngsten Beispiele von Bezahldienst und generativer KI zeigen.

Kurzfristig sehen Unternehmen geoökonomische Konfrontationen und Cybersicherheit als besondere globale Risiken, langfristig führen Umweltaspekte die Liste an
Von den nächsten zwei Jahren erwarten Befragte einer Umfrage des WEF zunehmende geoökonomische Probleme. Auch Cybersicherheit steht auf Platz 6 der Befürchtungen.

Was ist digitale Souveränität?

Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, seine digitalen Ressourcen so zu gestalten und zu steuern, dass es in kritischen Situationen handlungsfähig bleibt und selbstbestimmte technologische Entscheidungen treffen kann. Anders als bei digitaler Autarkie geht es also nicht zwingend darum, alles selbst zu bauen, sondern Abhängigkeiten bewusst zu managen, Lieferanten wechseln zu können und die Hoheit über zentrale Daten und Schlüssel nicht aus der Hand zu geben.

Die Herausforderung betrifft damit sämtliche Glieder der Wertschöpfungskette, die auch auf der POWTECH TECHNOPHARM im Mittelpunkt stehen: Von der Entwicklung über die Aufbereitung bis hin zu Produktion und Verpackung. In jedem Schritt müssen Betreiber produzierender Anlagen künftig darauf achten, dass Kernprozesse, geistiges Eigentum und Betriebsdaten nicht von einem einzigen Cloud-Anbieter, proprietären Protokollen oder undurchsichtigen Softwarelieferketten abhängen, die sich bei geopolitischen Spannungen, Exportkontrollen oder Regulierungswechseln plötzlich als Risiko erweisen. Digitale Souveränität umfasst deshalb

  • technische Aspekte: Architektur, Standards, Verschlüsselung
  • rechtliche Rahmenbedingungen: Datenstandort, Zugriffsrechte, Regulierung
  • organisatorische Fragen: Governance, Rollen, Skills

Alle drei Aspekte müssen zusammenspielen, um Anlagen und IP langfristig zu schützen.

Im europäischen Kontext ist digitale Souveränität zudem eine Standortfrage: Die EU will ihre Wirtschaft widerstandsfähiger machen, indem sie Abhängigkeiten von außereuropäischen IT-Konzernen reduziert, gleichzeitig aber offene Märkte und Innovation erhält. Für Unternehmen bedeutet das, dass sich Anforderungen aus Datenschutz, Cyberregulierung und Industriepolitik zunehmend mit der Erwartung verbinden, eigene Souveränitätsstrategien vorweisen zu können.

Die Balkengrafik zeigt, dass 96 Prozent der deutschen Unternehmen digitale Leistungen aus dem Ausland beziehen
Ohne digitale Technologien aus dem Ausland können Unternehmen nicht produzieren. Das betrifft vor allem Hardware, aber auch weite Teile der Software-Anwendungen.

Status quo: Hohe Abhängigkeiten prägen die Situation in Europa

Studien zeigen, dass praktisch alle europäischen Unternehmen stark von importierten digitalen Technologien abhängig sind: Laut einer Bitkom-Analyse von 2025 importieren rund 96 Prozent der deutschen Firmen digitale Technologien und Services aus dem Ausland, häufig von wenigen großen Anbietern. Parallel nehmen geopolitische Spannungen und regulatorische Konflikte zu. So werden diese Abhängigkeiten politisch noch riskanter.

Die gute Nachricht: Das Bewusstsein für das Thema wächst. Open-Source-Software ist in der Breite angekommen, drei von vier Unternehmen setzen sie bereits ein und 73 Prozent sehen sie ausdrücklich als Instrument, um digitale Souveränität zu sichern. Dennoch verfügen rund 60 Prozent über keine dokumentierte Open-Source-Strategie und keine klaren Prozesse, um Offenheit und Sicherheit wirklich systematisch zu nutzen. Ähnlich zwiespältig ist das Bild bei Datensouveränität: Ein aktueller Report meldet, dass 2025 trotz hoher Kenntnis der regulatorischen Anforderungen jedes dritte europäische Unternehmen mindestens einen Vorfall im Bereich Datensouveränität hatte.

Vor diesem Hintergrund wurde auf dem Weltwirtschaftsforum 2026 in Davos explizit über einen möglichen „einmaligen Zusammenbruch der Weltordnung“ diskutiert und über die Notwendigkeit, ein „neues, unabhängiges Europa“ aufzubauen, das seine wirtschaftliche und technologische Handlungsfähigkeit stärkt. Die Botschaft in Richtung Industrie ist klar: Digitale Abhängigkeiten sind längst kein reines IT-Thema mehr, sondern ein strategisches Risiko mit direktem Einfluss auf Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und politische Resilienz.

Die Balkengrafik zeigt, dass das Herkunftsland von Cloud-Anbietern für Unternehmen eine große Rolle spielt: Über 90 Prozent würden Angebote auf der EU bevorzugen
Deutsche Unternehmen wünschen sich deutsche Cloud-Anbieter. In vielen anderen europäischen Ländern ist die Situation ähnlich.

Wie Unternehmen ihre digitale Souveränität erhöhen können

Ein zentraler Hebel liegt in der Gestaltung der Infrastruktur und Cloud-Architektur. Souveränität entsteht, wenn Workloads portierbar sind, Exit-Szenarien vertraglich und technisch durchgespielt wurden und kritische Systeme nicht ausschließlich an einen einzelnen Hyperscaler gebunden sind. Multi-Cloud- und Hybrid-Szenarien reduzieren Lock-in-Risiken und erleichtern Reaktionen auf politische oder regulatorische Veränderungen.

Immer mehr Unternehmen setzen bewusst auf EU-basierte Anbieter, um Daten unter europäischer Jurisdiktion zu halten und regulatorische Unsicherheiten zu minimieren, etwa im Zusammenhang mit US-Überwachungsgesetzen. Wichtig ist dabei, dass nicht nur der Datenstandort formal stimmt, sondern auch die technische Schlüsselhoheit beim Unternehmen liegt, um einen exklusiven Zugriff durchzusetzen.

Auf Anwendungsebene sind offene Standards und eine systematische Software Bill of Materials (SBOM) entscheidend. Ob proprietär oder Open Source: Für eingesetzte Software sollten Unternehmen jederzeit nachvollziehen können, welche Komponenten im Spiel sind, woher sie stammen und welche Sicherheitslücken oder Lizenzbedingungen gelten. Das wird durch Vorgaben wie den EU Cyber Resilience Act zusätzlich befeuert und ist zugleich eine Voraussetzung, um Abhängigkeiten zielgerichtet zu reduzieren.

Identitäts- und Zugriffsmanagement (IAM) wird zum „souveränen Anker“ einer digitalen Architektur. Wer sämtliche Nutzer- und Maschinenidentitäten über einen einzigen, externen Identity Provider steuert, läuft im Ernstfall Gefahr, den Zugang zur eigenen Infrastruktur zu verlieren – etwa bei Sanktionen, Ausfall oder Vertragskonflikten. Souveräne Ansätze setzen auf hybride oder föderierte IAM-Architekturen, die offene Standards nutzen und lokale Fallback-Mechanismen vorsehen.

Mit wachsender Nutzung von KI-Systemen wird die Frage, welche Daten in welche Modelle fließen und wem das daraus entstehende geistige Eigentum gehört, zum Souveränitätsthema. Unternehmen sollten Datenklassen und verbindliche Regeln definieren, welche Kategorien in externe KI-Dienste eingespeist werden dürfen – inklusive technischer Kontrolle, etwa über Pseudonymisierung, Anonymisierung und „private“ Modelldienste. In Europa entstehende Datenräume und Initiativen wie Gaia-X ermöglichen den sicheren, standardisierten Austausch von Produktions- und Anlagendaten zwischen Unternehmen, ohne dass einzelne Akteure die Kontrolle verlieren.

Digitale Souveränität lässt sich nicht allein durch Technologieeinkauf herstellen, sie erfordert klare Strukturen und Zuständigkeiten. Unternehmen brauchen Governance-Modelle, die Infrastruktur, Anwendungen, Security, Einkauf und Fachbereiche an einen Tisch bringen, um Abhängigkeiten regelmäßig zu bewerten und Prioritäten festzulegen. Dazu gehören etwa ein zentrales Gremium für Souveränitätsfragen, festgelegte Kriterien für die Auswahl von Cloud- und Softwareanbietern, Sponsorship auf Geschäftsleitungsebene sowie Szenarien für geordnete Exits.

Herausforderungen: Kosten, Legacy, Fachkräfte, Komplexität

Der Umbau hin zu souveräneren Architekturen ist anspruchsvoll und kollidiert kurzfristig oft mit Kostenzielen und Projektstaus. Multi-Cloud, Exit-Szenarien, SBOM-Strukturen, Zero-Trust-Architekturen und souveräne Datenräume verursachen zunächst zusätzlichen Aufwand in Architektur, Beschaffung und Betrieb. Viele Unternehmen haben historisch gewachsene Landschaften mit Legacy-ERP, proprietären Feldbussen und „Black-Box-Appliances“ in der OT, deren Ablösung oder Integration in offene Architekturen Jahre dauern kann. Hinzu kommen Vendor-Lock-ins: Proprietäre Schnittstellen, exklusive KI-Services oder Abrechnungsmodelle machen einen Wechsel technisch und wirtschaftlich unattraktiv.

Ein weiterer Engpass ist der Fachkräftemangel: Während Studien zeigen, dass Unternehmen Open Source und offene Standards als Schlüssel zur digitalen Souveränität sehen, verfügt die Mehrheit weder über eine Open-Source-Strategie noch über ausreichend qualifizierte Mitarbeitende, um diese konsequent umzusetzen. Gleichzeitig nehmen regulatorische Anforderungen durch EU-Vorgaben zu Clouds, KI, Cyberresilienz und Datenökonomie zu, sodass IT- und OT-Teams mit Compliance, Projekten und Tagesgeschäft gleichzeitig jonglieren müssen.

Diese Gemengelage führt dazu, dass digitale Souveränität oft als „nice to have“ in die Zukunft geschoben wird – obwohl gerade die aktuellen geopolitischen Verwerfungen zeigen, dass es sich um ein strategisches Risikothema handelt, das nicht delegiert werden kann.

Fazit: Digitale Souveränität als strategischer Vorteil

Unternehmen, die digitale Souveränität nicht als Kostenfaktor, sondern als strategische Investition verstehen, stärken in erster Linie ihre Resilienz: Sie reduzieren das Risiko, durch Sanktionen, Exportkontrollen, Gerichtsverfahren oder Cloud-Ausfälle unvorbereitet getroffen zu werden, und können im Ernstfall schneller auf alternative Anbieter oder Betriebsmodelle umschalten. Das betrifft nicht nur Office-IT, sondern vor allem Produktionsplanung, Prozessdatenarchivierung, Leitsysteme, Condition Monitoring und alle datengetriebenen Services rund um Anlagen und Produkte.

Zweitens verbessert eine souveräne Architektur die Verhandlungsposition gegenüber Technologieanbietern. Wer Portierbarkeit, offene Schnittstellen und Schlüsselhoheit technisch nachweisen kann, ist weniger erpressbar und kann Konditionen, Service Levels und Innovationstempo selbstbewusster einfordern. Gleichzeitig lassen sich Compliance-Anforderungen besser erfüllen, weil Datenflüsse, Verantwortlichkeiten und technische Kontrollen transparent und auditierbar sind.

Drittens schafft digitale Souveränität Raum für Innovation: Unternehmen, die ihre Daten und Plattformen im Griff haben, können gezielt KI-Use-Cases, datengetriebene Services, neue Geschäftsmodelle oder Kooperationen in europäischen Datenräumen aufsetzen, ohne dauerhaft für fremde Ökosysteme zahlen zu müssen. Offene Technologien und europäische Infrastrukturen senken Markteintrittsbarrieren für neue Anbieter, steigern Wettbewerb und beschleunigen technische Weiterentwicklung – ein Vorteil gerade für mittelständische Maschinenbauer und Betreiber, die nicht auf proprietäre Lösungen festgelegt sein wollen.

Digitale Souveränität ist kein Selbstzweck, sondern ein Hebel, um Produktion in Europa robuster, anpassungsfähiger und innovativer zu machen. Wer heute beginnt, Abhängigkeiten zu kartieren, souveräne Alternativen zu testen und Kompetenzen aufzubauen, verschafft sich nicht nur ein Sicherheitsnetz für Krisenzeiten, sondern auch einen Vorsprung in einem zunehmend regulierten und datenzentrierten Marktumfeld.

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Autor

Marius Schaub
Marius Schaub