• 06.07.2026
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Longevity-Wirkstoffe: Wie ein neues Verfahren die Wirkstoffproduktion verändert

Hinter dem aktuellen Longevity-Trend bei Nahrungsergänzungsmitteln steckt anspruchsvolle Verfahrenstechnik. Wie sie konkret aussieht, zeigt das Beispiel NMN: ein Wirkstoff, dessen Herstellung exemplarisch für den Wandel von der klassischen Chemie zur enzymatischen Produktion steht.

Geschrieben von Armin Scheuermann

Ein Aussteller auf der POWTECH TECHNOPHARM zeigt eine Containment-Klappe
Auch bei der Produktion von Longevity-Wirkstoffen sind Komponenten aus dem Pharmaanlagenbau wesentlich.

Unter dem Schlagwort „Longevity" hat sich ein zweistellig wachsender Markt für Wirkstoffe etabliert, die auf gesundes Altern und Zellfunktion zielen. Einer der prominentesten Vertreter ist NMN (Nicotinamid-Mononukleotid), eine Vorstufe des Coenzyms NAD⁺, das in jeder Zelle die Energiegewinnung antreibt.

An NMN zeigt sich, warum die Wahl des Verfahrens über Reinheit, Kosten und Marktfähigkeit entscheidet. Der vielleicht eleganteste Weg nutzt dennoch die Werkzeuge der Natur: die enzymatische Kaskaden-Biokatalyse. Das Verfahren kommt ohne lebende Zellen aus, nutzt aber dennoch die Eleganz biologischer Prozesse. Für die Verfahrenstechnik ist das mehr als eine Laborkuriosität – es ist ein Reaktionskonzept mit handfesten Vorteilen bei Reinheit, Prozessführung und Skalierbarkeit.

Das Prinzip: ein Reaktor, mehrere Enzyme

Klassische chemische Synthesen bauen ein komplexes Molekül Schritt für Schritt auf – jeder Schritt mit eigener Reaktion, eigener Aufreinigung, eigenem Lösungsmittel. Die Fermentation geht den umgekehrten Weg: Sie lässt Mikroorganismen die gesamte Arbeit erledigen, nimmt dafür aber in Kauf, dass die Zelle auch unzählige Nebenprodukte erzeugt, die später mühsam abgetrennt werden müssen.

Die Kaskaden-Biokatalyse liegt dazwischen. Sie nutzt isolierte Enzyme – also die biologischen Katalysatoren, die in der Natur jede einzelne Stoffumwandlung steuern –, setzt diese aber gezielt außerhalb der Zelle ein. Mehrere Enzyme arbeiten in einem einzigen Reaktionsgefäß nacheinander, wie an einem molekularen Fließband: Das Produkt des ersten Enzyms ist das Ausgangsmaterial des zweiten und so fort, bis das Zielmolekül entstanden ist. Im Fachjargon heißt das „Eintopfsynthese“, weil die Zwischenprodukte nicht isoliert werden müssen.

Für NMN lässt sich so aus vergleichsweise günstigen Ausgangsstoffen in wenigen gekoppelten Schritten das fertige Molekül aufbauen – ohne aggressive Reagenzien und ohne die Endotoxin-Problematik, die bei bakteriellen Fermentationen die spätere Aufreinigung belastet.

Die Vorteile sprechen für sich: Die Reaktionen laufen unter milden Bedingungen ab – moderate Temperaturen, wässriges Milieu –, das reduziert den Bedarf an strenger Feuchtigkeitskontrolle, wie sie bei vielen chemischen Syntheserouten für Nukleotid‑Derivate erforderlich ist. Enzyme arbeiten hochspezifisch, das heißt, sie erzeugen kaum unerwünschte Nebenprodukte. Das Resultat ist eine hohe Produktreinheit bei vergleichsweise einfacher Aufreinigung.

Wie weit dieser Ansatz inzwischen ist, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse. Mit einem optimierten Enzym aus einer Hefeart und einem System zur Regeneration des teuren Co-Faktors ATP lassen sich 100 g/L Nicotinamid-Ribosid als Ausgangsstoff innerhalb weniger Stunden nahezu vollständig in NMN umzuwandeln – bei Ausbeuten im Bereich von rund 80 Prozent und darüber.

Der Werkzeugkasten: Enzym-Engineering

Der Schlüssel zu diesen Fortschritten ist das sogenannte Enzym-Engineering – die gezielte Veränderung der Enzyme, damit diese schneller, stabiler und unter industriellen Bedingungen zuverlässiger arbeiten. Enzyme sind im Grunde komplex gefaltete Eiweißmoleküle. Tauscht man an den richtigen Stellen einzelne Bausteine aus, lässt sich ihre Aktivität dramatisch steigern. In einem dokumentierten Fall erhöhte eine einzige, gezielte Änderung die Aktivität eines Schlüsselenzyms um mehrere hundert Prozent.

Drei Stellhebel sind dabei besonders relevant. Erstens die Optimierung der ratenbestimmenden Enzyme – also jener Schritte, die wie ein Nadelöhr das Tempo der gesamten Kaskade vorgeben. Zweitens die Co-Faktor-Regeneration: Viele Enzyme benötigen teure Hilfsmoleküle wie ATP, die sich nicht in stöchiometrischen Mengen zusetzen lassen. Ein integriertes Regenerationssystem führt diese Hilfsstoffe im Kreis und senkt so die Kosten entscheidend. Drittens die Immobilisierung, das heißt das Fixieren der Enzyme auf Trägermaterialien, sodass sie sich nach der Reaktion zurückgewinnen und mehrfach verwenden lassen.

Die offenen Baustellen

So überzeugend das Konzept ist – die Herausforderungen liegen dort, wo Verfahrenstechnik traditionell stark ist. Die Bereitstellung der Enzyme in ausreichender Menge und konstanter Qualität ist ein eigener Produktionsschritt, der seinerseits Fermentation und Aufreinigung erfordert. Die Langzeitstabilität der Enzyme unter realen Prozessbedingungen entscheidet über die Wirtschaftlichkeit. Und auch wenn die Aufreinigung einfacher ist als bei der Fermentation, bleibt das Downstream-Processing – Abtrennen, Aufkonzentrieren, Trocknen zum lagerfähigen Pulver – ein zentraler Kostenfaktor.

Hier verzahnt sich die Biokatalyse mit dem klassischen Anlagenbau. Reaktordesign für die optimale Durchmischung und Temperierung der Enzymkaskade, Membran- und Filtrationstechnik zur Abtrennung der Biokatalysatoren, kontinuierliche statt absatzweiser Prozessführung zur Effizienzsteigerung, schließlich Trocknung und Formulierung zum fertigen Wirkstoffpulver – das sind die Aufgaben, an denen der Erfolg im Produktionsmaßstab hängt.

Ein Reaktionskonzept mit Zukunft

Die Kaskaden-Biokatalyse ist kein exotischer Sonderfall, sondern Teil eines breiteren Trends hin zu biotechnologischen Produktionsverfahren, die zunehmend auch durch Datenanalyse und maschinelles Lernen bei der Enzymauswahl und Prozessoptimierung unterstützt werden. Für die Hersteller von Longevity-Wirkstoffen ist sie attraktiv, weil sie hohe Reinheit ohne die Lasten der klassischen Chemie oder der Vollzell-Fermentation liefert. Für den Maschinen- und Anlagenbau ist sie interessant, weil sie an entscheidenden Stellen genau die verfahrenstechnischen Kompetenzen verlangt, die das Rückgrat der Branche bilden.

Wer auf der POWTECH TECHNOPHARM nach den Technologien hinter dem Longevity-Trend sucht, sollte die Biokatalyse im Blick behalten. Sie zeigt exemplarisch, wie aus einer biologischen Idee ein industrieller Prozess wird – und wie eng moderne Wirkstoffproduktion und etablierte Verfahrenstechnik dabei zusammenrücken.

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Autor

Armin Scheuermann
Armin Scheuermann
Chemical engineer and freelance specialised journalist