- 07.08.2026
- Artikel
- Sicherheit & Umwelt
„Wir können verhindern, dass aus einem Ereignis eine Katastrophe wird“
Sicherheit ist, wenn nichts passiert: Safety, Security und Cybersicherheit schützen Anlagen vor unerwünschten Ereignissen. Beim Explosionsschutz gilt aber: Manchmal knallt es auch mit dem richtig ausgelegten Equipment. Entscheidend ist hier, Ereignisse unter Kontrolle zu halten. Auf der POWTECH TECHNOPHARM erleben Besucher das ganze Spektrum industrieller Sicherheit in der Produktion.
Geschrieben von Marius Schaub

Was ist wichtiger: Safety oder Cybersicherheit, Security oder Explosionsschutz? So sollte niemand auf Sicherheit in der Produktion schauen. Denn das wäre, als ob man einen Autofahrer fragt, was wichtiger ist: die Bremse, die Zentralverriegelung oder die Knautschzone.
Jedes System schützt vor einer anderen Gefahr, und erst im Zusammenspiel entsteht echte Sicherheit. Genauso ist es in der industriellen Produktion: Funktionale Sicherheit, Security, Cybersicherheit und Explosionsschutz sind eigenständige Disziplinen mit eigenen Regelwerken. Wer alle vier im Blick hat, erhöht Sicherheit und Resilienz seiner Prozesse zugleich. Die POWTECH TECHNOPHARM bringt Betreiber mit den dafür nötigen Experten und Lösungen zusammen.
Verschiedene Disziplinen, ein Ziel
Funktionale Sicherheit sorgt dafür, dass sicherheitsbezogene Steuerungen im Anforderungsfall zuverlässig reagieren, etwa wenn ein Sensor einen kritischen Druckanstieg erkennt und eine Notabschaltung auslöst. Security schützt Anlagen und Personal vor unbefugtem Zugriff, von der Werkszufahrt bis zu sensiblen Anlagenteilen. Cybersicherheit schützt Daten und die zunehmend vernetzte Steuerungstechnik vor digitalen Angriffen und Manipulation.
Tatsache ist aber: Die Disziplinen wachsen zusammen. Je mehr Sicherheitsfunktionen auf Sensorik und vernetzte Software angewiesen sind, desto wichtiger wird der Schutz dieser Systeme vor digitaler Manipulation. Wer Safety und Security getrennt betrachtet, riskiert Schutzlücken genau dort, wo beide Bereiche ineinandergreifen. Auf der POWTECH TECHNOPHARM finden Betreiber für beide Seiten konkrete Ansprechpartner: von Sicherheitssteuerungen bis zu OT-Security-Konzepten.

Explosionsschutz: Bei brennbaren Stoffen existenziell
Die vierte Disziplin ist der Explosionsschutz. Existenziell ist sie in allen Industrien mit brennbaren Stäuben, Gasen oder Lösemitteln. Dr. Johannes Lottermann kennt sie aus doppelter Perspektive: als Präsident von IND EX, dem internationalen Netzwerk für industriellen Brand- und Explosionsschutz, und als Chief Business Development Officer Explosion Safety bei REMBE Safety+Control.
Lottermann hat Sicherheitstechnik in Wuppertal studiert und über integrierte Brand- und Explosionsschutzkonzepte promoviert. Was ihn nach über 20 Jahren im Fach noch immer fasziniert, ist die Wirksamkeit guter Ingenieurarbeit: „Eine richtig ausgelegte Schutzmaßnahme greift innerhalb von Millisekunden ein und kann Menschenleben, Anlagen und die wirtschaftliche Existenz eines Unternehmens schützen.“ Explosionsschutz ist für ihn deshalb nicht nur Technik, sondern angewandte Verantwortung.
Wie eindrücklich das wirken kann, zeigt eine Erfahrung aus Brasilien: Nach einer schweren Explosion mit Todesfolge entwickelte Lottermann vor Ort ein neues Schutzkonzept. Zwei Jahre später ereignete sich ein vergleichbares Explosionsereignis erneut – doch dieses Mal wurde niemand verletzt. Statt einer zerstörten Anlage mussten nur die vorgesehenen Ersatzteile getauscht werden. „Das war ein Gänsehautmoment“, erinnert sich Lottermann. „Eine Explosion lässt sich nicht in jedem Prozess ausschließen. Wir können aber verhindern, dass aus einem Ereignis eine Katastrophe wird.“
Daraus leitet er eine einfache Formel ab: „Funktionale Sicherheit fragt, ob ein System richtig reagiert. Cybersicherheit fragt, ob jemand diese Reaktion manipulieren kann. Explosionsschutz fragt, ob Menschen und Anlagen geschützt sind, wenn das Ereignis tatsächlich eintritt.“
Wo Betreiber häufig scheitern
Die größte Schwachstelle liegt laut Lottermann selten bei einzelnen Produkten, sondern im Verständnis der eigenen Betreiberverantwortung. Ein Gerät mit ATEX-Kennzeichnung allein macht noch kein sicheres Anlagenkonzept – der Betreiber muss seine Stoffe kennen und ein Schutzkonzept über den gesamten Lebenszyklus hinweg aktuell halten. Drei Fehler beobachtet Ex-Experte Lottermann besonders häufig:
- Explosionsschutz wird erst am Ende eines Projekts mitgedacht, wenn Budget und Anlage schon feststehen
- Betriebsänderungen wie neue Rohstoffe oder feinere Partikel werden unterschätzt, obwohl sie das Explosionsverhalten grundlegend verändern können
- Schutzkonzepte existieren nur auf dem Papier, statt in Instandhaltung und im täglichen Verhalten der Beschäftigten verankert zu sein
Regulatorisch verweist Lottermann auf ein systematisches Management-of-Change-Verfahren bei Anlagenänderungen und die wachsende Wechselwirkung zwischen Maschinensicherheit und Cybersecurity. Für die Zukunft erwartet er stärkere Vernetzung der Disziplinen, betont aber: „Der wichtigste Erfolgsfaktor bleibt der Mensch. Digitalisierung kann Fachwissen unterstützen, aber nicht ersetzen.“
Live-Explosionen auf der POWTECH TECHNOPHARM: Sicherheit zum Anfassen
Auf dem Freigelände der POWTECH TECHNOPHARM wird dieses Wissen greifbar. Besucher erleben eine Staubexplosion an einer industrienahen Versuchsanordnung und sehen, wie sich unscheinbarer brennbarer Staub in Sekundenbruchteilen in ein hochdynamisches Ereignis verwandelt. Anschließend zeigen die Experten, wie eine Explosion kontrolliert entlastet, unterdrückt oder entkoppelt werden kann.
„Der entscheidende Unterschied zu einem Film ist die physische Erfahrung. Sie verändert bei vielen Besuchern nachhaltig die Wahrnehmung des Risikos“, sagt Lottermann. Was spontan wirkt, ist Ergebnis präziser Planung: festgelegte Sicherheitsabstände, geprüfte Schutzkomponenten und die kontrollierte Zündung aus geschützter Position. „Sicherheit entsteht hier nicht durch Mut, sondern durch Vorbereitung“, betont Lottermann.
Er bringt die Botschaft an Betreiber auf den Punkt: „Explosionsschutz darf nicht mit der Hoffnung beginnen, dass schon nichts passieren wird. Er muss mit dem Verständnis des eigenen Prozesses beginnen.“ Gleichzeitig gilt: Explosionen sind beherrschbar. Mit fachgerechter Gefährdungsbeurteilung und einem abgestimmten Schutzkonzept lassen sich massive Schäden vermeiden.
360 Grad Sicherheit erleben
Sicherheit in der Produktion ist kein Wettbewerb zwischen Disziplinen, sondern ein Zusammenspiel aus Safety, Security, Cybersicherheit und Explosionsschutz. Wer alle vier Dimensionen zusammendenkt, macht seine Prozesse nachhaltig resilienter. Dafür bietet die POWTECH TECHNOPHARM vom Messestand über Fachforen bis zur Live-Explosion auf dem Freigelände die passenden Impulse.

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