• 12.01.2026
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Schluss mit Rohstoff-Roulette: Wie Recycling Europas strategische Autonomie sichert

Die Abhängigkeit von Rohstoffimporten entwickelt sich zur Achillesferse Europas. Doch neue Daten bestätigen, dass eine intelligente Kreislaufwirtschaft den Bedarf an neuen Primärquellen bis 2050 drastisch senken könnte – wenn Industrie und Politik jetzt die richtigen Hebel umlegen.

Geschrieben von Marius Schaub

Eine Halle mit zwei Haufen aus Abfällen im Hintergrund. Über ein Förderband wird ein Haufen beschickt. Im Vordergrund überwacht ein Arbeiter mit Warnweste und Helm den Vorgang.
Europa sitzt auf Bergen von wertvollen Ressourcen. Um sie zu nutzen, muss das Recycling verstärkt und eine wirkliche Kreislaufwirtschaft verfolgt werden.

Europa ist Teil einer hochtechnisierten Welt, die auf Lithium, Kobalt, Nickel und Kupfer angewiesen ist, um Energiewende, Digitalisierung und weitere wichtige Aufgaben zu stemmen. Doch geologisch betrachtet hat Europa bei der Verteilung von Bodenschätzen eher schlechte Karten gezogen. Die Folge: Die EU ist abhängig von Importen, die oft aus Regionen kommen, in denen politische Stabilität nicht gegeben ist oder die ihre Rohstoffmacht strategisch ausspielen.

In Zeiten geopolitischer Spannungen wird diese Abhängigkeit zum Risiko für den Wirtschaftsstandort. Doch es gibt eine gute Nachricht: Neue Quellen liegen nicht in China oder Afrika, sondern direkt vor der eigenen Haustür – in ausgedienten Batterien, Kabeln und Elektronikgeräten. Recycling und Kreislaufwirtschaft sind längst keine reinen Umwelthemen mehr – sie sind unverzichtbare Sicherheitspolitik. Oder wie es die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem Bericht „Recycling of Critical Minerals“ formuliert: Recycling ist „unverzichtbar für die Sicherheit und Nachhaltigkeit der Versorgung mit kritischen Mineralien“.

Die Balkengrafik zeigt das Potenzial des Recyclings von verschiedenen Rohstoffen: Der Bedarf nach Primärquellen könnte um 30 Prozent reduziert werden.
In den Szenarien „Announced Pledges“ und „Net Zero Emissions by 2050“ ihres Berichts kommt die Internationale Energieagentur zu dem Schluss, dass das Recycling bestimmter Rohstoffe den Bedarf nach zusätzlichen Primärquellen um rund ein Drittel reduzieren könnte.

Der Business Case für Rohstoffsicherheit

Kritiker wenden oft ein, Recycling sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, solange der Bedarf praktisch exponentiell wächst, etwa durch E-Mobilität oder Erneuerbare Energien. Doch aktuelle Daten widerlegen diesen Pessimismus. Laut Szenarien der IEA könnte ein massiver Ausbau des Recyclings den Bedarf an neuen Minen bis zum Jahr 2050 erheblich senken – und zwar um rund 40 Prozent bei Kupfer und Kobalt sowie um etwa 25 Prozent bei Lithium und Nickel. Dieses Szenario setzt die Erreichung der nationalen Klimaziele voraus.

Die beschriebenen Maßnahmen würden den Bergbau nicht überflüssig machen, aber der Druck auf die Primärversorgung mit Rohstoffen würde massiv sinken. Der Markt für sekundäre Rohstoffe ist gigantisch: Der Marktwert recycelter Mineralien für die Energiewende hat sich zwischen 2015 und 2023 bereits verelffacht (wenn auch von niedrigem Niveau startend). Bis 2050 könnte er sich nochmals verfünffachen und ein Volumen von umgerechnet 170 Milliarden Euro erreichen.

Neben der Versorgungssicherheit gibt es eine „ökologische Dividende“ gratis dazu: Recycelte Batteriemetalle verursachen im Schnitt 80 Prozent weniger Treibhausgasemissionen als ihre Pendants aus dem Bergbau. Für Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck senken müssen, ist das ein wichtiger Hebel.

Deep Dive: Technik trifft Realität

Doch warum werden die von der IEA beschriebenen Maßnahmen nicht einfach umgesetzt? Hier kommt nicht zuletzt die Verfahrenstechnik ins Spiel. Es reicht nicht, alte Fahrzeuge zu schreddern – die Herausforderung liegt in der chemischen Komplexität.

Ein aktuelles Problem ist der Trend zu Lithium-Eisen-Phosphat-Batterien (LFP). Diese sind billiger und robuster, enthalten aber weniger wertvolle Metalle wie Nickel oder Kobalt. Das senkt nicht nur die Herstellungskosten, sondern auch den ökonomischen Anreiz für Recycler. Hier ist die Prozessindustrie gefragt, Verfahren zu entwickeln, die auch aus diesen Strömen mit niedrigem Wert effizient Rohstoffe zurückgewinnen. Das könnte etwa durch optimierte hydrometallurgische Prozesse erreicht werden.

Zudem hinkt die Industrie auch bei einigen lange etablierten Materialien hinterher. Während Aluminium dank zuverlässiger Prozesse schon lange zu über einem Drittel aus Recyclingmaterial stammt, ist der Anteil bei Kupfer zuletzt sogar von 37 auf 33 Prozent gefallen. Das zeigt: Die Technik ist da, aber die Logistik und die Sammelsysteme greifen noch nicht perfekt. Die effiziente Trennung von Kupferlegierungen aus komplexem Elektroschrott bleibt eine verfahrenstechnische Herausforderung, die künftig gemeistert werden muss.

Politische Rahmenbedingungen: Prävention statt Heilung

Technik allein wird das Problem jedoch nicht lösen – es braucht auch den richtigen politischen Rahmen. Das Europäische Umweltbüro (EEB) weist in seiner Position zum „Circular Economy Act“ darauf hin, dass die Welt sich nicht einfach aus der Ressourcenkrise „heraus-recyceln“ könne, wenn gleichzeitig immer mehr verbraucht wird.

„Prävention ist besser als Heilung“ lautet stattdessen die Devise des EEB: Die sicherste Ressource sei diejenige, die gar nicht erst verbraucht werden muss. Das EEB fordert deshalb, Suffizienz und strategische Autonomie zusammenzudenken: Ein geringerer Materialfußabdruck mache Europa weniger erpressbar.

Ein interessanter Vorschlag für die Politik ist in diesem Kontext die Verschiebung der Steuerlast. Aktuell ist Arbeit in Europa hoch besteuert, während der Ressourcenverbrauch oft günstig ist. Eine Reform, die den Faktor Arbeit entlastet und den Ressourcenverbrauch stärker belastet, würde Geschäftsmodelle wie Reparatur, Wiederaufbereitung (Remanufacturing) und eben hochwertiges Recycling plötzlich rentabel machen. Eine solche Maßnahme könnte der Kreislaufwirtschaft aus Sicht des EEB zum entscheidenden Durchbruch verhelfen.

Exkurs: Stolpersteine können zu Trittleitern werden

Warum aber geht es oft so schleppend voran? Eine bemerkenswerte wissenschaftliche Perspektive bietet ein im Juli 2025 im Journal of Industrial Ecology veröffentlichter Beitrag. Die Autoren argumentieren, dass gerade die Nicht-Implementierung der idealen Kreislaufwirtschaft paradoxerweise ein Motor für Innovation sein könne.

Die Lücke zwischen dem moralischen Anspruch – alles im Kreis führen – und der harten ökonomischen Realität – mangelnde finanzielle Tragfähigkeit – erzeugt demnach eine „produktive Irritation“. Dieses Spannungsfeld zwinge Unternehmen und Gesetzgeber dazu, kreativ zu werden – sei es durch neue Technologien oder klügere Gesetze. Die aktuellen Anlaufschwierigkeiten sind aus dieser Perspektive also kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein notwendiger Evolutionsschritt, in dem sich Märkte und Moral langsam aufeinander einstellen.

Ausblick: Europas Zukunft ist zirkulär – oder sie verschwindet

Wie könnte ein nachhaltiges Europa im Jahr 2050 aussehen? Die Europäische Umweltagentur (EEA) hat dazu vier Zukunftsbilder entwickelt, von einer technikgetriebenen Welt bis hin zu einem ökologischen Utopia. Eines haben alle Szenarien gemeinsam: Die Kreislaufwirtschaft ist das zentrale Immunsystem gegen Schocks. Egal ob Klimakrise, Handelskriege oder digitale Zusammenbrüche – Systeme, die ihre Ressourcen selbst regenerieren können, sind resilienter.

Für die europäische Industrie bedeutet das: Die Fähigkeit, Stoffkreisläufe zu schließen – sei es im Bereich Energie, in der Mobilität oder im Bausektor – wird zur entscheidenden Kompetenz für ihre Zukunftsfähigkeit.

Fazit: Resilienz statt Roulette-Spiel

Das „Rohstoff-Roulette“, bei dem die Länder Europas auf unsichere Importe wetten, ist ein Spiel, das der Kontinent langfristig nur verlieren kann. Recycling und Urban Mining sind der Ausweg, um die strategische Autonomie der EU zu sichern.

Auch für Fachleute aus der Prozessindustrie und der Verfahrenstechnik ist dieser Ausblick ein Weckruf: Sie halten Schlüsseltechnologien in der Hand, um aus der Schwarzen Masse von heute das Gold von morgen zu machen. Die Politik muss die Leitplanken setzen – durch Anreize für Sekundärrohstoffe und kluge Gesetzgebung. Die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft liegt jedoch in den Anlagen der Industrie.

Autor

Marius Schaub
Marius Schaub